Von Ernst Hornickel

Psychologen und Soziologen waren sich vor zehn Jahren darin einig, daß der damals schon vollmotorisierte Amerikaner im Umgang mit dem Automobil, besser: in der Einstellung zu dem Fahrzeug einen deutlich höheren Reifegrad zeigte als die individuell anspruchsvolleren und emotionaler engagierten Europäer.

Was für den US-Bürger ein komfortables Fortbewegungsmittel blieb, empfand der Europäer als ein Mittel der Selbstdarstellung nach Mode und Maß, das ihn allzuleicht und oft dazu verführte, seine eigenen persönlichen Kräfte mit den technischen Möglichkeiten seines Automobils zu identifizieren.

Die Soziologen, die in dieser wenig abgeklärten, notwendigerweise aggressiven Einstellung ("Die neuen Zentauren") zahlreiche tiefere Ursachen zu schweren Unfällen fanden, waren fast einhellig der Ansicht, daß bei der ständig wachsenden Verkehrsraumnot und der damals schon kräftig einsetzenden Massenmotorisierung der Mensch notwendig seine Unreife im Umgang mit dem Automobil, sein betont persönliches und immer emotional geladenes Engagement für seinen Wagen allmählich verlieren, ihn kühler und distanzierter nur noch als massenhaft üblichen Gebrauchsgegenstand betrachten würde. Damit würde auf die natürlichste Weise eine persönlich anspruchslose, defensive Fahrweise erzwungen, die sich ohne Ambitionen den Verkehrsströmen anpaßt und selbst bei höherer Verkehrsfrequenz die Unfallziffern nicht weiter ansteigen oder gar sinken lassen würde.

Diese optimistische Prognose, die einen erfreulichen Zuwachs an Vernunft und Einsicht im Straßenverkehr in Rechnung stellte, konnte sich deshalb nicht erfüllen, weil zwei Faktoren unberücksichtigt blieben:

1. Der starke Zustrom an jugendlichen Fahrern zwischen 18 und 24 Jahren, von denen – wie die Unfallquoten der Versicherungsgesellschaften zeigen – ein Teil zu aggressiv und ambitioniert fährt, und das sehr oft mit alten, dazu ungeeigneten Fahrzeugen aus zweiter und dritter Hand;

2. Neue, nicht unbedenkliche Richtungen der Automobilindustrie: