Mainz

Im Zweiten Weltkrieg, als junger Soldat in einer Nachrichtenabteilung eingesetzt, entdeckte er seine Vorliebe für Druckknöpfe, Leitungen und Lautsprecher. Heute, als Landgerichtspräsident in Mainz, ist Dr. Max van de Sand, 57 Jahre alt, fester denn je davon überzeugt, daß "mit Blick auf das nahe Jahr 2000" die Vermittlung des Wortes ohne den dienstbaren Geist technischer Hilfsmittel auch in der Justiz hoffnungslos rückständig anmuten muß.

Deshalb sorgte er dafür, daß in seinem Dienstgebäude eine moderne Gesamtkanzlei entsteht, in der "eine Vielzahl von Drähten" säuberlich in Boden und Wände eingelassen wird und "nicht einfach so herumhängt, weil man sonst stolpern könnte".

In dieser Woche grübelt van de Sand darüber nach, ob er der erste ist, für den die Drähte zur Fußangel werden. Der rheinland-pfälzische Justizminister Fritz Schneider läßt gegenwärtig untersuchen, wie weit der oberste Dienstherr des Mainzer Landgerichts "seinen Hang zum technischen Detail übertrieben haben könnte".

Denn der Drahtzieher "aus Hobbygründen" van de Sand nutzte im Februar, als sein Dienstzimmer renoviert wurde, die Gelegenheit zu zusätzlicher experimenteller Zukunftsplanung: Er ließ sich im Schwurgerichtssaal ein Verbindungskabel installieren. Das Geschäft besorgte der Hausmeister, der sich freilich auf diesem Gebiet als nur unzureichend befähigt erwies. Der Test an einem Samstagnachmittag fiel so enttäuschend aus, daß der Chef im Verhandlungsraum abgespielte Musik nur als "Gekrächz, Gebrumme und Gepfeife" empfing. Ein später hinzugezogener Fachmann ermittelte falsche Verpolung und behob den Fehler.

Seit vierzehn Tagen, so ermittelte die Mainzer "Allgemeine Zeitung", hat "diese Anlage in Richterkreisen tiefe Bestürzung ausgelöst". Und Landgerichtsdirektor Hiller, Leiter der Justizpressestelle, gab eine offizielle Erklärung ab: "Der Eindruck, daß hier möglicherweise Aufsicht geübt werden sollte, wird allgemein als tragisch empfunden." Schließlich hat die "spielerische Idee" des hohen Richters über die grundsätzliche Erregung hinaus eine ganz konkrete Gefahr heraufbeschworen. Bereits länger als acht Monate verhandelt das Schwurgericht in einem Judenmordprozeß, der bis heute eine halbe Million Mark kostete und jetzt zu platzen droht.

Als vor knapp drei Wochen, am 77. Tag der Verhandlung, die Verteidigung bis dahin umlaufende Gerüchte zu harten Vorwürfen formulierte, war die Verbindung vom Schwurgerichtssaal zum Chefzimmer längst unterbrochen. Mit Sicherheit, so erklärte Präsident van de Sand in einer vier Seiten langen Rechtfertigung, habe er nach dem 25. März keine Hörversuche mehr angestellt. Im übrigen sei die Anlage nur vom 29. Februar (dem Schaltjahrtag im wahrsten Sinne des Wortes) an bedingt brauchbar gewesen. Aber auch die verbleibenden 26 Tage vermochte der Landgerichtspräsident nicht uneingeschränkt anzuerkennen. Dieser Zeitraum sei zu reduzieren um eine 10-Tage-Reise zu einer Richterakademie sowie sechs Wochenenden. Während des verbleibenden Rests tagte das Schwurgericht lediglich viermal. Und hier – so geschah es – kamen dem Präsidenten auch "einige kurze Passagen beiläufig zu Ohren".