Stuttgart

Ein feierliches Lied, sagte der Oberbürgermeister, Shakespeares Prospero zitierend, sei-"der beste Tröster zur Heilung irrer Phantasie", und als Zeugen für die Deutung irrer Phantasie bemühte er den deutschen Dichterfürsten Goethe: könne doch in unserer Zeit wie schon in Auerbachs Keller ein politisch Lied bisweilen ein recht garstig Lied sein. Das ging auf die Studenten. "Wo Lied und Gesang ihre Heimstatt haben, sind Sprechchöre, wie sie in Kreisen unserer aufgeweckten Jugend derzeit besonders en vogue sind, nicht die beliebtesten Varianten chorischer Ausdrucksweise." Arnulf Klett hatte seine literarische Sternstunde und folgerte mit Seume: "Wo man singt, laß dich ruhig nieder..."

Siebzigtausend waren nach Stuttgart gekommen, um sich hier abzuheben von den Bösewichtern, die keine Lieder haben. Fünfzigtausend begleiteten sie als Gesinnungsfreunde oder Angehörige, hundertzwanzigtausend Matratzen von Ulm bis Karlsruhe harrten vier Nächte lang der müden Sänger, manche vergeblich, wenn die Sänger wie die alten Germanen immer noch eins nahmen, ehe sie gingen. Privatquartiere, Turnhallen und Zelte der Bundeswehr blähten Stuttgarts Kongreßstadt-Potential ins Gigantische, und die stolzen Zahlen wurden beharrlich repetiert von den Reden am Eröffnungstag bis zur Schlußansprache. Per Flugzeug, Bahn und Sonderbus reisten die vierzehnhundert Chöre an, die Mitglieder der Liederkränze, Liedertafeln, Männer- und Frauengesangvereine: Germania, Teutonia, Adolphina, Loreley, Cäcilia, Polyhymnia und Lyra, Eintracht und Frohsinn, die Chöre der Dynamit AG, der Fliegerhorste, der Versicherungsgesellschaften, des allgemeinen Bildungsvereins und der Chor einer Spinnerei.

Das Deutschland der Gemütlichkeit wollte sich seiner unerschütterlichen Präsenz vergewissern, aber das kämpferische Behaupten sah bisweilen nach Verzweiflung aus. Der Präsident Willi Engels durfte vor der Presse noch einmal Sinn und Zweck erläutern, aber dezent moduliert für zeitkritische Aufpasser: humanitäre Aufgabe – ein Stück Herzbewegung – das Gemütvolle nicht negieren – Freude und Kraft für die Bewältigung schwerer Aufgaben unserer Zeit – Ideale an die Jugend vermitteln – Dienst am Volk. Die "Synthese zwischen Tradition und Gegenwart", die dem dreiundsiebzigjährigen Präsidenten für seinen Gefühlsbedarf zugedacht war, wurde scharf überwacht vom Vorsitzenden des Musikausschusses Miller, der das Programm des Sängerfestes zu einem New Look mit ganz wenig Silcher und fast ohne Jahrhundertwendeschnulzen herausgeputzt hatte. Das Scharmützel, das sich die beiden Vertreter zweier Generationen lieferten, erhellte die Spaltung in der Führungsspitze des deutschen Sängerbundes, wo die musikbewußten Progressisten im Begriff sind, den fahnen- und vaterlandsseligen Traditionalisten sanft, aber bestimmt ihr historisches Reservat zuzuweisen. Noch zwischen den leiden Ausgaben des Festprogramms, einer vorläufigen und einer endgültigen Auflage, gab es bemerkenswerte Korrekturen, vor allem beträchtliche Abstriche bei der Romantik.

Ein Journalist bekam auf die Frage, ob dies das letzte Sängerbundesfest in seiner Art sein werde, zwei Antworten. Präsident Engels: "Was wir hundert Jahre so gemacht haben, können wir auch weitere hundert Jahre machen." Musikausschußvorsitzen- der Miller: "Wir werden es neu diskutieren, wie der Ablauf künftig sein soll." Miller hätte die Fahnen am liebsten zu Hause gelassen: Engels sorgte dafür, daß sie mit großem Pomp ins Neckarstadion marschierten und mit Plaketten dekoriert wurden. Es war konsequente Arbeitsteilung. Während der Musikvorsitzende für möglichst viel Bartók, Hindemith, Schönberg und Strawinsky im Programm sorgte und de übelsten Reminiszenzen aus dem deutschen Liedschatz von 1895 bloß bei den auslandsdeutschen Chören nicht verhindern konnte, setzte sich der alte Präsident bei der Gestaltung des äußerlichen Rahmens fast überall durch: noch wurde auf dem Stadionrasen militärisches Brimborium zelebriert und mit mittelalterlichen Trachten geceutschtümelt, noch mußten viereinhalbtausend Kinder zum Beweis jugendlicher Anhängerschaft in Riesenzelten behütet und aus Feldküchen verköstigt werden, obschon es für eine zulängliche Betreuung nicht genügend Helfer gab.

Alles, was Stuttgart hat an Ausstellungshallen, Kunstinstituten und historisch-atmosphärischen Plätzen, war in diesen heißen Tagen des großen Festes ausgebucht für die in zahlreichen Reden tremolierend beschworene Kraft des Liedes, die die Menschen einigt, solange es sich nicht um Bösewichter handelt. Aber die Magie, die höheren Orts dem Chorgesang zugeschrieben wird, wollte auf diesem Sängerfest nicht immer funktionieren. Des Familienministers Staatssekretär Barth feierte auf der Jugendveranstaltung die kleinen Sänger als positives Gegenstück zu den skeptischen Studenten und wurde acht Minuten später niedergeklatscht und niedergebrüllt. Und just in dem Augenblick, da der saarländische Kultusminister als Redner der Massenkundgebung meinte, in der Chor- und Singgemeinschaft ordne sich der einzelne ein und diene einem Ideal, verließen die meisten Fahnenträger vor seinen Augen respektlos das Neckarstadion.

Karin Zeller