Der 1. Juli war für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft nur ein halber Festtag: Zwar wurde die Zollunion eineinhalb Jahre früher als vorgesehen verwirklicht. Der politische Horizont der Gemeinschaft aber blieb verdunkelt, und Frankreich machte neue Schwierigkeiten.

Die Europäische Kommission forderte aus Anlaß des Jubeltages eine erweiterte europäische Gemeinschaft mit politischen Organen als Ziel des begonnenen Integrationswerkes. Das "überholte paralysierende System des Vetorechts" im Ministerrat müsse abgeschafft werden. Der Zollunion müsse als nächstes die Wirtschaftsunion folgen.

Seit Montag, null Uhr, sind die Zollschranken zwischen den sechs Mitgliedstaaten der EWG gefallen. Waren, die von außen eingeführt werden, unterliegen fortan einem gemeinsamen, einheitlichen Außenzoll, der gemäß den Ergebnissen der Kennedy-Runde in den nächsten fünf Jahren um etwa 35 Prozent sinken wird. Der Binnen- und Außenhandel der EWG wird sich von nun an intensivieren.

Diese Aussicht veranlaßte Frankreich, seine durch Streik und Lohnwelle stark angeschlagene Volkswirtschaft vorsorglich mit einem "privaten" Schutzzaun zu umgeben: Französische Exporte werden ab 1. Juli vorübergehend staatlich subventioniert, Importe kontrolliert und kontingentiert. Damit sollen Handels- und Zahlungsbilanz stabilisert werden.

Frankreichs Partner und die Europäische Kommission blieben ungefragt und reagierten erbittert auf das fait accompli. Der EWG-Ministerrat und der Rat für das Allgemeine Zolltarif- und Handelsabkommen (GATT) werden sich mit dem französischen Alleingang befassen. Washington hat bereits angekündigt, es werde geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen.