Der Nachfolger von Josef Stingl als Vorsitzender des sozialpolitischen Arbeitskreises der CDU-Bundestagsfraktion heißt Hermann Götz und nicht Hermann-Josef Russe. Die Sozialausschüsse der CDU haben Grund, sich provoziert zu fühlen. Dennoch sollten sie den spektakulären Durchfall ihres Kandidaten – Russe unterlag vor der Fraktion mit 54 gegen 136 Stimmen – zum Anlaß nehmen, über ihre sozialpolitische Position im allgemeinen und ihre parteiinterne Situation im besonderen nachzudenken.

Gewiß hat bei dieser Entscheidung die Tatsache eine nicht unerhebliche Rolle gespielt, daß Russe ein engagierter Befürworter der paritätischen Mitbestimmung ist, gegen die sich der rechte CDU-Flügel mit Händen und Füßen stemmt. Ausschlaggebender war aber sicher, daß Götz wohl ziemlich genau in der Mitte zwischen den zerstrittenen Parteiflügeln steht und zudem gelernt hat, Sozialpolitik nicht nur mit dem Herzen, sondern ebenso auch mit dem Verstand zu betreiben.

Hermann Götz gehört seit 1957 dem Haushaltsausschuß des Bundestages an und hat sich dort als Berichterstatter für den Sozialetat einen Namen gemacht.

Das ist es, was die Sozialpolitik jetzt vor allem braucht, und worum sie nun nicht mehr herumkommt: Sie muß sich an den Umgang mit Zahlen gewöhnen. Es reicht heute nicht mehr aus, am laufenden Band Zukunftsprojekte für die Gesellschaft von morgen zu entwickeln. Solide Kostenrechnungen müssen mitgeliefert werden, wenn die Projekteure ernst genommen werden wollen.

An der Beherrschung des kleinen und des großen Einmaleins hat es dem linken CDU-Flügel bei seinen avantgardistischen Vorstößen in gesellschaftspolitisches Neuland bisher in so eklatanter Weise gemangelt. Und darum kann es der Sache nur dienlich sein, wenn an der Spitze des Gremiums, in dem die sozialpolitischen Vorentscheidungen der größten Bundestagsfraktion fallen, ein Mann der Zahlen steht. kr