Wenn also die Lage für Horst Krüger aller Voraussicht nach kaum schlechter wird, weil die Informationsprogramme weder in der Quantität expandieren noch in der Qualität eskalieren, so sollte er dennoch – kommt Zeit, kommt Rat – nicht ohne menschenfreundliche Empfehlungen bleiben, damit er der kontinuierlichen Heimsuchung durch massenmedialen Terror besser begegnen kann.

Mit dem Lesen hat es in seinem Falle wie für alle Fälle keine Not. Denn der Konsum von Gedrucktem ist weder orts- noch zeitgebunden. Schriftliches, einschließlich "Spiegel", "Stern" und "Zeit", kann also außer Betracht bleiben, wenngleich Horst Krügers apokalyptische Stapelvision durch tausendfach bezeugte Wirklichkeit dokumentiert ist, alldieweil gerade schreibkundige und lesefähige Leute sich von Ungelesenem nur ungern trennen. Aber bleiben wir, getreu seinem Thema und gemäß meiner Kompetenz, bei bewegten Bildern. Sie fluten heute über – drei Kanäle. Sie lassen sich mithin nur angemessen kanalisieren durch drei Apparate. Erst solch ein Triptychon der Bildschirme garantiert eine konsequente Synopsis.

Solche Rundum-Betrachtung ist schneller zu erlernen und leichter zu ertragen, als Neurohygieniker, um Zivilisationsschäden besorgt, und Augenärzte, Netzhautverkrümmung vorhersehend, befürchten mögen. Dieses Drei-Scheiben-Panoptikum trainiert den Benutzer in der Kunst des richtigen Hinsehens und erzieht ihn zur Fertigkeit des perfekten Wegsehens. Weil, im Gegensatz zu schweifenden Blicken, der Gehörgang strenger auf Einbahnverkehr achtet, sollte der Ton, beim Fernsehen ohnehin oft als entbehrliches Übel behandelt, beim ersten Empfänger auf-, beim zweiten klein- und beim dritten abgedreht sein. Dennoch sind nach dem gegenwärtigen Stand der Gesetzgebung und der Rechtsprechung alle drei Geräte gebührenpflichtig.

Der vollkommene Allseitzuschauer entwickelt nach kurzer Zeit der Übung und Gewöhnung die Fähigkeit von Instinktreaktionen: im fruchtbaren Moment das Auge auf den besten Blickpunkt zu richten und im gleichen Augenblick die Randerscheinungen keines Blickes zu würdigen. Schielgefahren wird vorgebeugt, indem man gelegentlich ein Auge zudrückt. Kritiker, Gremienmitglieder und Fernsehschaffende können von der Verpflichtung zu dieser Multivision nicht dispensiert werden. Denn sie dürfen nichts übersehen, weder das Schlechte, das von selbst ins Auge fällt, noch das Gute, für das nicht nur Horst Krüger ein Auge haben sollte.

Aber – und hier liegt das Zentralproblem mancher Mono-Konsumenten: – es ist nicht gut, wenn der Mensch allein ist, während er sich dem Massenmedium aussetzt. Masse muß sein vor diesem Medium. Geschlecht, Geschmack, Gesinnung sind bei der Partnerwahl Kriterien ohne besondere Relevanz. Der Mensch auf dem Nebensitz muß nur bereit und in der Lage sein, mitzulachen, mitzuleiden, mitzuschimpfen, mitzutrinken.

Wo diese Situation gegeben ist, stellen sich Sternstunden des Fernsehens ein. Deshalb findet Fernsehen seine stärkste Resonanz in der italienischen Dorf-Cafeteria vor einer halb analphabetischen Gemeinde. Das Fernsehen visiert als Zielvorstellung auf Gemeinschaftsempfang. Es ist mehr als nur ein statistisches Rechenexempel, wenn die Meinungsforscher pro Gerät zwei bis drei Köpfe in Rechnung stellen. Psychologie und Soziologie haben recht. Denn der Fußball-Fan, bei dem monomanische Reaktionen letal enden können, weiß, was er tut, wenn er einen Mitseher an seine Seite bittet, an seine Seite zwingt, auch wenn es diesen Beisitzer völlig kalt läßt, was auf dem heißen Schirm zu sehen ist. Aber allein zu zittern, zu jubeln, zu fluchen: Das ist gegen die menschliche Natur. Wenn Fernsehen Sünde ist, so sollte der Fernseher immer mit anderen sündigen. Fernsehen erfordert Sippenlaftung und erlaubt Kollektivschuld.

Nach Trost und Rat noch eine Warnung: Es wird alles noch viel schlimmer, als Horst Krüger es in seinen traumatischen Televisionen voraussieht. Daß wir das Leben bald nur noch am farbigen Abglanz haben werden, ist nachgerade Futurologie im Plusquamperfekt. Denn die Satelliten sind über und die Elektronen unter uns. In einer voraussehbaren Zukunft wird in aller Welt alle Welt jederzeit für jedermann sichtbar sein, über Himmelsvögel aus dem Geschlecht des Early Bird. Auf den Mattscheiben wird in unablässigem Zeilenfluß das Neueste à la minute angeboten werden. (Vielleicht investiert Axel Springer seine "Jasmin"-Millionen für Projekte dieses Genres, wo doch das Fernsehen I bis III in dieser Richtung bereits eine Verzichtserklärung ausgesprochen hat?)