Der amerikanisch-sowjetische Raketen-Dialog

Von Kurt Becker

Die beiden Weltmächte haben sich auf dem Höhepunkt des Raketen-Wettrüstens bereit erklärt, über die Begrenzung und Verminderung ihrer Kernwaffen zu verhandeln. Wie alle Anläufe Amerikas und der Sowjetunion der letzten zwanzig Jahre zur Bändigung der nuklearen Vernichtungskraft durchzog auch diese Ankündigung ein Hauch von Euphorie, zu der die Unterzeichnung des Atomsperrvertrags durch die Atommächte und fünfzig andere Staaten den äußeren Anlaß gab.

Präsident Johnson will noch rasch seine dahinschmelzende Amtszeit nutzen, um als Friedensstifter in die Geschichte der Vereinigten Staaten einzugehen. Und Ministerpräsident Kossygin hat die Zustimmung zu Verhandlungen durch ein Totalprogramm für radikale nukleare Abrüstung ergänzt, damit Amerika der Sowjetunion nicht den Rang als friedliebende Nation abläuft.

Kossygins Abrüstungsmemorandum sollte wegen seines utopisch anmutenden Zuschnitts nicht den Blick für den eigentlichen Kern der amerikanisch-sowjetischen Annäherung trüben. Die beiden Supermächte scheinen an der Schwelle einer zweiten Entspannungsphase zu stehen, die durch periphere Betriebsunfälle und durch machtpolitische Rivalitäten auf niedrigeren Ebenen der Weltpolitik vielleicht zu stören, nicht aber aufzuhalten ist.

Die erste Phase begann mit Präsident Kennedys Friedensstrategie. Die Kuba-Krise im Oktober 1962 hatte den Ausgleich zwischen Ost und West zwar kurzfristig unterbrochen, die Beilegung der Krise hat ihn dann jedoch beschleunigt. Sie bestätigte die Wirksamkeit der These Kennedys, daß die wechselseitige Respektierung vitaler Sicherheitsinteressen und politischer Interessensphären auf der Grundlage des nuklearen Patts den Frieden stabilisiert und jeder Versuch einer einseitigen Änderung des Status quo das Risiko eines dritten Weltkriegs heraufbeschwört. Die Welt verdankt dieser ersten Phase die Lokalisierung der Konflikte in Vietnam und Nahost sowie die Beruhigung um Berlin. Zugleich führte die generelle Interessenübereinstimmung der beiden Weltatommächte erst zum begrenzten Atomversuchsverbot, dann zum "heißen Draht" zwischen Washington und Moskau, zum Weltraumabkommen und jetzt zum Atomsperrvertrag. Aber mehr scheint nicht erreichbar zu sein, solange die Supermächte nicht zu wirklichen Selbstbeschränkungen bereit sind und nun die zweite Phase der Entspannung einleiten.

Der langjährige amerikanische Abrüstungsbeauftragte Arthur Dean schrieb vor zwei Jahren: "Keine Regierung in der Welt sieht heute, was immer die Propaganda auch behaupten mag, die Abrüstung als ihr vordringlichstes Ziel an. Die Wahrung der nationalen Sicherheit behauptet überall den Vorrang." Die Erfahrung gibt ihm recht: Abrüstung ist nur in den Augen wohlmeinender Weltverbesserer ein Selbstzweck. Aber Deans Erkenntnis wird relativiert durch den Glaubenssatz des früheren Verteidigungsministers McNamara: "Ein Staat kann durchaus den Punkt erreichen, an dem er sich durch den Kauf zusätzlicher Waffen keine zusätzliche militärische Sicherheit mehr erwerben kann." Dieser Punkt scheint heute im nuklear-strategischen Machtgleichgewicht zwischen Amerika und der Sowjetunion erreicht zu sein.