Von Werner vom Hoff

Werner vom Hoff, ehemaliger Journalist, ist seit Beginn dieses Jahres als Geschäftsführer des Arbeitskreises zur Förderung der Aktie e. V. tätig. Sein Aufgabenbereich: Öffentlichkeitsarbeit.

Es scheint eine Eigentümlichkeit deutschen Denkens zu sein: Wer "Aktie" hört, sieht oder liest, reflektiert Spekulation, Spannung, Spiel. Und damit wendet sich bereits ein großer Teil der so unmittelbar Berührten ab und anderen Anlageformen zu. Diese Einstellung fand in den zwanziger Jahren ihren Ausdruck in einer behördlichen Verordnung, die eine Stückelung der Aktie unter tausend Reichsmark verbot mit dem Hinweis, nur wer die Wirtschaft versteht und vermögend ist, sollte sich am Spiel der Börse beteiligen. Zwanzig Jahre nach der Währungsreform scheint dieses Bild der Aktie, durch Vorurteile und Unkenntnis geprägt, immer noch trotz aller Popularisierungsbemühungen zum Allgemeingut breiter Kreise zu zählen.

Der "Substanzwert" war für den Aktionär in den ersten Jahren nach der Währungsreform der ausschlaggebende Faktor, der über Kauf oder Verkauf dieses Papiers entschied. Zudem durften die Dividendenausschüttungen bis 1953 jeweils 6 Prozent nicht überschreiten. Der Gesamtindex der Aktienkurse lag im Juli 1948 bei 30.

Selbst die Vervierfachung des Gesamtindex der Kursentwicklung von 1948 bis Ende 1953 sagt noch nichts über die eigentliche Situation der deutschen Wirtschaft aus. Das Volumen der an den Börsen gehandelten Aktien war gering. Steuerliche Diskriminierung verhinderte ein Ausweiten der Märkte. Dazu kamen die alliierten Kontroll- und Entflechtungsmaßnahmen. Der Kursverlauf von 1948 bis 1953 kennzeichnet den starken Einfluß, den die nicht konjunkturbedingten Faktoren auf die Börse ausübten.

1954 erreichten die Umsätze an den deutschen Börsen einen Umfang, der sich zum erstenmal wieder mit dem guter Vorkriegsjahre messen konnte. Die Kurse vieler Werte verdoppelten sich. Gesetzgeberische Maßnahmen, aber vor allem die ständig expandierende deutsche Wirtschaft gaben jetzt der Börse das Gepräge. In seinem Buch "Mach mehr aus deinem Geld" errechnete Mercator 1962, daß Aktien siebenmal soviel wert sind wie 1953, beziehungsweise das Kapital, das in Aktien angelegt war, hat sich von 1954 bis heute (1962) jährlich mit etwa 80 Prozent verzinst. Bei 80 Prozent pro Jahr hört für viele das Erfaßbare auf, das Spekulative drängt in den Vordergrund. Doch in diesem neunjährigen Berechnungszeitraum lag die boomartige Entwicklung der Wirtschaft, die in den Jahren 1959 bis 1962 ihren Höhepunkt fand. In diesen vier Jahren erhöhten sich zum Beispiel der Bruttostundenverdienst um 43 Prozent, der Wert der Ausrüstungsinvestitionen um 73 Prozent und die Ausfuhr um 37 Prozent.

Die Aktienkurse waren bereits 1958 um über 50 Prozent gestiegen; bis 1960 vervielfachten sie sich. Gerüchte über die Aufwertung der Mark und Abwertung anderer Währungen ließen in starkem Maße ausländisches Kapital in die Bundesrepublik fließen und unterstützten damit die stürmische Aufwärtsentwicklung. In diese Periode fiel auch die Privatisierung der Preussag und des Volkswagenwerks. Über eine Million neuer Aktionäre traten auf den Markt.