Etwas außerhalb der Konvention

Von Marianne Kesting

Die Villa Massimo in Rom, einst eine Institution, in der deutsche Musenjünger die Antike erlernen sollten, ist heute in seltsamer Weise ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet. In der Enklave ihres wohlgepflegten Parks – "Musengetto" nannte sie Enzensberger – wird elektronische Musik, werden abstrakte Bilder oder werden "Texte" geschaffen, die wenig Antikisches mehr aufnehmen. Tempora mutantur; aber die Institution ist geblieben. Ihr verdanken wir zumindest einen großen Teil von

Jürgen Becker: "Ränder"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 112 S., 8,– DM

einem Buch, das gerade den rigorosen Bruch mit der Tradition zu seinem Grundsatz erhoben hat.

Ist der mit der Antike eklatant, so wäre allerdings zu überprüfen, ob auch die Trennung von der literarischen Konvention so rigoros ist, wie es der Begleittext des Verlags behauptet. Da in der Öffentlichkeit neben den experimentellen Formen des Schreibens die traditionellen noch immer munter weiterbestehen, zuweilen sogar als etwas ganz Neues angeboten werden, setzt sich auch die Ankündigung des Traditionsbruches zwanghaft fort – so etwa, wenn man betont, daß die "altvertrauten literarischen Kategorien" zur Mitteilung dessen, was nun mitgeteilt werden soll, "untauglich" geworden seien.

Selbstverständlich bringen neue Inhalte neue Formen hervor. Und ich wüßte nicht, wie man etwa Becketts "Textes pour rien" anders als eben in der Form von "Texten" niederschreiben sollte. Nur scheint mir mitunter zweifelhaft, ob alles, was sich in einem Text wie Beckers "Rändern" ausspricht, mit neuen Inhalten zu tun hat. Ein nicht unwesentlicher Teil dieses Buches ließe sich durchaus in der lockeren Form von Tagebuchaufzeichnungen unterbringen – Alltagsereignisse, Beobachtungen, Erinnerungen, Gedanken, Phantasien, Freundesnamen, die einem in den Sinn kommen, Aussprüche, Mittelmeerisches und Kölnisches – ich sehe nicht, was hieran Formsprengendes wäre. Und dies macht einfach die Basis des Buches aus, ein sehr privater Bereich, der übrigens seinen stillen Charme besitzt, aber nichts, gar nichts mit den Grenzerfahrungen zu tun hat, die zur Liquidation literarischer Konventionen führten.

Es besteht heute die Gefahr, daß die Formaufsprengung selbst, die auch schon ihre Tradition hat, mit ziemlich kommunem Inhalt gefüllt wird.

Etwas außerhalb der Konvention

Dies betrifft sicherlich den einen Teil von Beckers "Rändern". Aber es gibt andere, mitunter bestürzende Passagen, die die neuen Formen des Schreibens legitimieren, etwa eine neue Art poème en prose, das eine Flut von Bildern und unwillkürlichen Assoziationen durch Verschleifung der Syntax in Satzketten verfließen läßt, die einen einzigen rasend ablaufenden Augenblick zu erfassen suchen.

Es gibt weitere Passagen der Sprachmeditation, die ebenfalls nicht in traditionellen schriftstellerischen Techniken wiederzugeben wären. Hier wird die Sprache selber durch Montage etwa von Redensarten, Bürokratismen, Alltagsphrasen, politischen Schlagwörtern abgehorcht auf das was sie selber herausgibt. Bei Becker erschöpft sich dergleichen nicht in einem mechanischen Durchprobieren von Wörtern und Sätzen. So erwächst ein neues parodistisches Genre: "Früher war das alles ganz anders. Die Städte alle waren viel größer und die Dörfer waren noch Dörfer. Früher gab es noch Gerechtigkeit, und wer nicht hören wollte, mußte fühlen. Da waren die Lehrer noch die Lehrer unserer Eltern. Sonntags zogen wir noch die Sonntagsanzüge an. Die Kirche stand noch im Dorf. Die Wacht stand noch am Rhein..." Die Passage endet mit dem schönen Satz: "Früher hörte man noch zu, wenn man von früher erzählte."

Beckers "Ränder" sind entschieden unterhaltsam. Sie umfassen diverse literarische Techniken und Usancen. Und damit das Ganze, das eben aus dem traditionellen Formenkodex auszubrechen sucht, dennoch eine strenge Form aufweise, hat Becker die einzelnen Texte, je nach Verfahren, in rückläufiger Symmetrie zueinander geordnet. In der Mitte findet sich ein sinnbeschwertes leeres Blatt, das demonstriert, was die Welt ohne Lettern wäre.

Die Spiegelform des Buchs soll die lockeren Textzusammenhänge auffangen. Wo die Literatur von den traditionellen Kategorien verlassen ist oder sich verlassen fühlt oder sie bewußt verläßt, sucht sie um so strengeren Zusammenhang in einer übergeordneten abstrakten Struktur. Die Struktur der "Ränder" widerspricht, da sie eine Spiegelform ist, dem fortschreitenden Erzählen. Sie besagt, daß man am Ende nicht weiter ist als am Anfang des Buches. Strindberg führte sie in das Drama ein (Nach Damaskus), Beckett setzte sie im Drama fort, und Becker agiert mit ihr gegen das Erzählen. Seine Texte umkreisen einen Zustand, der sich nicht ändert und sich nicht weiterbewegt.

Schon der Titel "Ränder" enthält ein Programm gegen das Erzählen, gegen die Fiktion des erzählerischen Zusammenhaltes. "Randerscheinungen", heißt es an einer Stelle, "wie all das was an den Rändern übrigbleibt als Ereignis ohne die Erkennbarkeit der Ursachen" oder als "das, was langsam verschwindet und an seinen Rändern noch erkennbar bleibt".

Das Verfahren der freien Assoziation gewährt dem Zufall viel Raum. Denn zufällig ist, was einem gerade einfällt, zufällig ist man selber, zufällig sind die Namen der Freunde, die Ereignisse, die Orte, wo man miteinander spricht, zufällig sind die Gedanken, Erkenntnisse, die Bilder, die sich einem ins Hirn schleichen, die Wörter, die Sätze.

Erloschen ist in einem Buch wie dem Jürgen Beckers die Grenzerfahrung des Schreibens, der Zwang apokalyptischer Visionen, der die älteren Generationen trieb, mit den konventionellen Usancen des Schreibens zu brechen. Die jüngere Generation hat sich in der Unsicherheit eingerichtet, sie geht gar nicht erst von der Fiktion aus, daß es anders sein könnte, als es nun einmal ist. Grenzerfahrungen sind alltäglich geworden, die Verzweiflung zur Gewohnheit einer Melancholie, mit der man sich abgefunden hat. Wir haben eine ziemlich abgerundete Desillusion vor uns, die sich nicht zuletzt auch auf die politische Revolte erstreckt: "Die Berliner Zukunftslosigkeit wird fortführbar mit anderen Verhütungsmitteln ... mit anderen Mitteln zum Zweck des Veränderns der alten in die neuen Übel", liest man. "Bisher war alles falsch", schreibt Becker, "aber es sieht so aus, daß ihr auch alles wieder falsch macht." Oder: "Bald gibt es auch wieder neue Feinde." Und: "Wir wünschen ja nur ein bißchen Gewalt." Das ist mehr als kühle Skepsis, es ist die Müdigkeit eines, der nichts von der Erprobung des Aufstandes hält.

Man fragt sich allerdings, ob sich hier nicht auch neu-alte Fluchthaltungen ankündigen. Es gibt in Beckers "Rändern" allerlei selige Lyrik über die mittelmeerischen Küsten, die hier als sanfte antizivilisatorische Utopien auftauchen. Wenn das "Mittelmeer uns alle wieder versöhnlich macht" mit "endlich sozialer Zeitlosigkeit am Strand" und "lateinischen Göttern es gibt sie", und es gibt dort nicht "den Smog und die Steuer den Notstand und die Ölpest", wenn Becker "schwerste Abschiede von den blendenden Küsten" nimmt, die "unverlierbaren Schönheiten des Meeres" besingt und offenbar über Landkarten von jenen Gegenden träumt, die er wieder hat verlassen müssen, so deutet sich hier die zwiespältige Situation an, daß Becker jene Zivilisation haßt, die Formen wie seine Texte überhaupt hat hervorbringen helfen. Mithin müßten wir uns nur in den unindustrialisierten Süden begeben, um wieder glücklich zu sein.