Der 1. Juli 1968, der ein großes europäisches Datum hätte sein sollen, ist allenthalben bei gedämpftem Trommelklang begangen worden – und nicht nur, weil die französischen Ausnahmebestimmungen den neugewonnenen Status der Zollfreiheit unversehens durchlöcherten. Die Unlust an Europa hat tiefere Gründe: Hoffnungslosigkeit, Ziellosigkeit, Ratlosigkeit.

Die Hoffnungslosigkeit entspringt der Einsicht, daß wirtschaftliche Mechanismen nicht automatisch politische Antriebe auszulösen vermögen; daß es keinen Ersatz für klaren politischen Willen gibt; daß das Europa der Brüsseler Technokraten bisher nur neue Wirtschaftsverfahren geschaffen hat, aber keinen neuen Aggregatzustand der Politik; und daß im Augenblick und für absehbare Zeit der Wille eines einzelnen das Trachten vieler zu vereiteln vermag.

Die Ziellosigkeit resultiert teils aus der Enttäuschung über das Erreichte, teils aus dem umwälzenden Wandel der Lage. Das Konzept des karolingischen Europa, wie es den Gründervätern vorschwebte, ist tot. Die Einbeziehung der übrigen Westeuropäer steht schon lange auf dem Programm; und seit kurzem ist nun auch der europäische Osten wieder in unseren Gesichtskreis gerückt. Neue, größere Visionen haben die alten, engen abgelöst. Geographisch wie institutionell hat sich der Begriff "Europa" seit den Tagen des krassen Kalten Krieges mit einem anderen Inhalt erfüllt. Manches an den Sechser-Strukturen erscheint in diesem Lichte plötzlich als hinderlich.

Zu den Merkmalen der gegenwärtigen Situation gehört freilich auch die Ratlosigkeit. Zwar sind die alten Ideen verdorrt oder ausrangiert, aber auf die neuen ist noch kein rechter Verlaß. Alles ist in Bewegung geraten; die Europäer sitzen inmitten einer Staubwolke und müssen nun abwarten, bis sie sich verflüchtigt hat; danach erst kann der Blick wieder frei schweifen – zu neuen Zielen und neuen Möglichkeiten.

Gegenwärtig lebt Europa zwischen den Zeiten. Frische Fakten müssen sich erst herausbilden, frische Männer ihnen einen frischen Sinn unterlegen, ehe sich die Geschichte fortbewegen kann. Daher die gedämpfte Stimmung am 1. Juli. Th. S.