Frankreichs zweite Revolution ereignete sich am vorigen Sonntag in den Wahllokalen: Die "Union für die Verteidigung der Republik" (UDR) eroberte mit 358 von 487 Sitzen die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung. Davon entfallen auf die Unabhängigen Republikaner, bislang Koalitionspartner der Gaullisten, 64 Mandate.

Der gaullistische Erdrutsch begrub die Linke unter sich: Kommunisten und Linksföderation büßten mehr als die Hälfte ihrer Mandate ein. Das Demokratische Zentrum, von der UDR durch ein Wahlbündnis gestützt, schmolz um ein Drittel zusammen. Die rechten und linken Splittergruppen verbesserten sich geringfügig. Die "Partei Socialiste Unifie" (PSU), die sich von auf die Seite der revoltierenden Studenten und streikenden Arbeiter gestellt hatte, verschwand von der parlamentarischen Bildfläche.

PSU-Chef Mendès-France unterlag dem de Gaulle-Berater Jeanneney. Die übrigen Wortführer der Linken – Mitterand, Gaillard, Mollet, Deferre – behielten ihr Mandat. KPF-Chef Waldeck-Rochet hatte sich bereits im ersten Wahlgang durchgesetzt.

Das französische Wahlsystem (1. Wahlgang: absolute Mehrheitswahl, 2. Wahlgang: relative Mehrheitswahl) begünstigte die UDR und guillotinierte die Linke. Gewinne und Verluste an Sitzen standen in einem Mißverhältnis zur Wählerbewegung. Die folgende Tabelle belegt dies:

Den Gaullisten gelangen tiefe Einbrüche in die bisherigen Domänen der Linken, die im Südwesten, Süden und Südosten Frankreichs und in dem roten Vorstadtgürtel (banlieu rouge) von Paris gelegen hatten.

Gelöst haben die Wahlen ebensowenig wie zuvor die Barrikadenkämpfe. Eine totale Kabinettsumbildung steht bevor. Die Mehrheit verpflichtet. Wie der Chefredakteur von Le Monde das Ergebnis kommentierte: "Revolution, Mutation, Partizipation – diese Wörter sind keine Talismane. Sie bedürfen jetzt dringend der Präzisierung durch Information, Bildung, Gerechtigkeit, Verantwortlichkeit."