Niki de Saint Phalles Stück ICH ist eine Fortsetzung der documenta mit anderen Mitteln. Schon vor dem Kasseler Staatstheater lädt eine Plastik der Saint Phalle die Kinder zu Kriech- und Versteckspielen ein: Sie wissen nicht, was sie tun, denn es handelt sich um das Bühnenbild zur Lysistrata – und worein man da kriecht, läßt sich auch ohne allzu große freudianische Anstrengung nur als Mutterleib deuten. Man erinnert sich: Ein ähnlicher Schoß stand den Besuchern überlebensgroß in Stockholm offen. Er hieß damals "Sie". Jetzt, wo das Stück das weibliche Personalpronomen für die Bühne als ICH zu subjektivieren sucht, spreizt wieder ein anderer Frauenleib auf der Szene die Beine und, durch ein Fließband munter bewegt, purzeln die kleinen Babypuppen gleich haufenweise hervor.

Um langsam etwas Ordnung in die verwirrende Schilderung zu bringen: ICH also ist das Stück einer Frau (auch wenn sie einen männlichen Mitautor und geschickten Regisseur namens Rainer von Diez hat), die über eine kapriziöse kindliche Spielfreude verfügt, Sie tut sich optisch am schönsten in einem in das Spiel eingeblendeten Zeichenfilm kund, in dem ein bös heiteres Märchen von einem Mädchen erzählt wird, das einer Schlange Eltern und Geschwister im Traum opfern muß, weil sie einen Schlüssel nicht findet. Dieser Bilderbuchtraum, der so etwas wie eine mit Freud durchtränkte Variante der Geschichte vom bitterbösen Friederich sein könnte – freilich ist Friederich hier ein, Searle-grausames kleines Mädchen – nimmt sich allerdings als Stationendrama mit Arabal-Effekten kurios genug aus.

Zuerst beseitigt das kleine Biest von ICH an seinem Geburtstag die Eltern, aus der Mama-Puppe tropft, von einem Kinderspielmaschinengewehr beknattert, das rote Blut: Mutter wurde in die übergroße Brust getroffen. Die Bühnenpuppe, in der Oskar Schlemmer parodistisch nachzuleben scheint, gibt ihre Seele auf. Die Seele aber ist ein schwarzgewandeter Schauspieler, dem das Wort "Seele" über die Brust gepinselt ist, wie einem amerikanischen Baseballspieler das Wort "New York Yankees". Folgt als nächste Station, wie die armen Waisenbrüder von der Schwester in die Badewanne gesteckt werden. Dortselbst aber folgt beim Doktorspiel der Inzest und der feuchte Tod.

Und so hüpft das Stück in unbekümmerten Rösselsprüngen von Station zu Station: ICH, die (optisch hinreißend) Wagnersängerin wird oder auf einer goldenen Toilette thront und unter den ansonsten der örtlichen Verschwiegenheit anvertrauten Geräuschen Gold absondert, eine Art "Esel streck dich"; ICH, die heiratet und von Liebe träumt, sich fürchtet, von der Lust verschlungen zu werden, welche sie als eine überdimensionale rote Zunge aufzulecken droht – das alles ist eine poppige Revue, in der sich eine weibliche Psyche auf eine selbstgemalte und -gebastelte Couch legt, einladend offen, dann wieder drohend verschlossen vor Selbstbestrafungstrieben.

Nur: Dem Stück kommen nach und nach seine dramatischen Ambitionen allesamt beträchtlich in die Quere. Es möchte mit der Bühne nicht nur Glück und Leid, sondern auch Freud und Marx teilen. Es erfindet zum Ich die Masse, die es das "Monstrum" nennt. Diesem Monstrum, das aus mehreren lemurenartigen Personen besteht, läuft dann andauernd der Volksmund über. Man mißbilligt, was das weibliche ICH da tut und beschönigt es doch gleichzeitig. Da das Stück im Untertitel "eine Schlacht" heißt, findet eine solche auch statt: Nachdem das ICH die Kinder, die es mittels Fließband eben noch aus sich herausschleuderte, am Spieß grillt und verzehrt, kocht die Volkswut in Phrasen über. Sie wird aber vom ICH in offener Feldschlacht besiegt. Die Titelheldin schwingt sich zur Herrscherin aller Monstren auf, und der Zuschauer fragt, verzweifelt um Reste von Logik bemüht, warum denn nun bisher das ICH das Individuum gegen die Masse zu signalisieren hatte, wenn es auf einmal zum faschistischen Diktator avanciert. Personenkult-Parabel und frauliche Selbstbespiegelung wollen auch nicht so recht zusammen. Aber vielleicht darf man solche Fragen an die ein wenig sinn- und zweckfreien Purzelbäume, die da veranstaltet werden, gar nicht erst stellen. Dann jedoch wäre auch zu bitten, daß die fortgesetzten Saltos nicht auch noch so tun, als wollten sie die Welt auch sozial durchschauen.

Denn im ICH kommt wirklich so gut wie alles vor. Am Anfang kindlich-sadistisches Treiben (vergleiche "Die schrecklichen Kinder"), danach die Stationen eines charakterlosen Dandy-Ichs (vergleiche "The Rakes Progress"). Schließlich eine Dame, die mit dem Publikum Wohltätigkeit und Heilsarmee spielt, weil Brechts Heilige Johanna auch nicht fehlen sollte.

Wo Brecht winkt, ist für das Stück auch Peter Handke nicht weit. In Kassel geschah Unglaubliches: Die (übrigens ausgezeichnete) Hauptdarstellerin Nancy Illig schritt bei einer Art Publikumsbeschimpfung in den Zuschauersaal und nannte einen Besucher einen dickbäuchigen Fabrikanten, wies ihn aus dem Theater, wandte sich einer vor Schmuck funkelnden Dame zu, um sie darauf aufmerksam zu machen, daß ihr Mann sie mit seiner Sekretärin betrüge. Aber auch diese Publikumsbeleidigung war nur ein neckisch abgekartetes Spiel. Die so Geschmähten ließen sich in ihren Wutreaktionen leicht als Schauspieler ausmachen, die den bourgeoisen Buhmann gegen Gage darstellten. Und weil für das Mitspiel in dem heiter-unverbindlichen Durcheinander eigentlich auch kein rechter Platz war, wandte sich die Autorin rasch wieder den ironisch dargebotenen Schilderungen der ICH-Scheußlichkeiten, also der "Selbstbezichtigung" zu. Um das Stück zum symbolischen Ende zu bringen, erstrahlte das ICH schließlich als von allen akzeptierte diktatorische Sonne.