Von Ekkehart Krippendorff

Die "Flugschrift" hat eine lange Tradition in der Geschichte aufklärerischer Publizistik und demokratischer Agitation. Als der Name 1966 vom Westberliner Voltaire-Verlag für eine neue Schriftenreihe gewählt und wiederbelebt wurde, signalisierte das auch die Wiederbelebung radikal-demokratischer bis sozialistischer Publizistik des kleinen Formates für den wachsenden Markt demonstrierender Studenten, geschrieben von engagierten Bürgern für engagierte Bürger. Nicht die fußnotenreiche Analyse, sondern die eine weite Verbreitung suchende politische Rede, das kritische Pamphlet, die aktuelle Stellungnahme im zunehmend intensivierten Kampf gegen Notstandsgesetze, Vietnam-Krieg und polizeistaatliche Repression sollte hier ein Medium der Kommunikation erhalten – das Einzelheft für eine Mark.

Der Anfang war ein Programm: Peter Weiß’ "Vietnam!" – ein schwedischer Zeitungsartikel und die erste Äußerung des Schriftstellers zu diesem Komplex, Sartres kurzer Aufsatz "Warum ich nicht in die Vereinigten Staaten reise" – der Enzensbergers kürzlichen "Offenen Brief" zur schwächeren Wiederholung degradierte, Otto Brenners Rede gegen die Notstandsgesetze vor dem DGB-Kongreß 1966, Heinrich Bölls damals aufsehenerregende Wuppertaler Rede "Die Freiheit der Kunst". Dann kamen Texte und Materialien von Bertrand Russell zur Vorbereitung des Vietnam-Tribunals, Günther Anders’ Gegenüberstellung von Nürnberg und Vietnam, und eingeleitet von Heinrich Hannover erschien hier erstmalig auf unserem Markt der genaue Text der ominösen "Schubladengesetze": die neue Reihe hatte sich, wie man so sagt, "durchgesetzt".

Leider blieb es dann nicht mehr ganz strikt bei dem Preis von einer Mark. Denn aus der Flugschrift wurde die aufwendigere Broschüre – mit dramatischen Bildern aus dem FU-Sommersemester 1967 und entsprechenden Texten von Lettau, Dutschke, Marcuse und anderen (Bernard Larsson: Demonstrationen – ein Berliner Modell), mit stenographischen Protokollen wichtiger Vorgänge aus der Frühzeit der Außerparlamentarischen Opposition ("Der Kongreß in Hannover" nach dem 2. Juni 1967; die Grass-Springer-Kontroverse um Arnold Zweig mit allen Reden, Kommentaren und Interviews; Enzensbergers Nürnberger Rede mit der Preisstiftung für politisch Verfolgte in der Bundesrepublik und einem Anhang mit Fällen dazu). Tatsächlich scheint in der lebendigen Dokumentation aktueller politischer Vorgänge das eigentlich Neuartige dieser Flugschriften-Edition zu bestehen. Nicht die abgewogene Analyse, sondern der noch frische Text aus der noch nicht voll ausgereiften Situation des anti-imperialistischen und anti-kapitalistischen Emanzipationskampfes überall in der Welt. Hier findet man die Nachschrift von Fidel Castros Rede nach der Ermordung Che Guevaras mit einem – allerdings inzwischen überholten – Anhang über die Vorgänge in Bolivien Anfang Oktober 1967, hier findet man die noch immer beste engagierte Darstellung von "Black Power", übernommen aus Artikeln der englischen und amerikanischen Presse. In dieser Reihe wird man demnächst das Protokoll des Fernsehinterviews von Günter Gaus mit Rudi Dutschke nachlesen können oder auch Isaac Deutschers letzte Arbeit, eine kurze Analyse des arabischisraelischen Konflikts.

Nicht alle Hefte sind so gründlich ediert und durchgearbeitet wie Trotzkijs "Ihre Moral und unsere" – das leider, nach dem Konkurs des Voltaire-Verlags, einzige Relikt einer geplanten großen Trotzkij-Ausgabe. Für denjenigen, der Sinn hat für die polemisch-analytische Schärfe des Intellekts dieses großen Revolutionärs, hier eine Kostprobe über den "gesunden Menschenverstand": "Diese niedrigste Form des Intellekts ist nicht nur unter allen Umständen absolut erforderlich, sondern unter gewissen Umständen auch ausreichend. Das grundlegende Kapital des gesunden Menschenverstandes besteht aus den elementaren Schlüssen der allgemeinen Erfahrung: man soll seine Finger nicht ins Feuer stecken, möglichst eine gerade Linie einschlagen, keinen bissigen Hund reizen und so weiter und so fort. In einem stabilen sozialen Milieu reicht der gesunde Menschenverstand aus, um Geschäfte zu machen, Kranke zu heilen, Artikel zu schreiben, Gewerkschaften zu leiten, im Parlament abzustimmen, sich zu verheiraten und die Rasse zu erneuern. Aber wenn der gesunde Menschenverstand versucht, die ihm gesetzten Grenzen zu überschreiten, und die Ebene komplexer Verallgemeinerungen betritt, erweist er sich als eine Anhäufung von Vorurteilen einer bestimmten Klasse und einer bestimmten Epoche. Schon eine gewöhnliche kapitalistische Krise bringt den gesunden Menschenverstand in eine Sackgasse..."

Bisher hat es keine spezifisch analytisch angelegten Arbeiten bei den "Flugschriften" gegeben – auch die entlarvende und gründlich recherchierte Schrift von Günter Amendt "China – der deutschen Presse Märchenland" ist eher wieder agitatorische Polemik auf hohem Niveau. Die scharfe Polemik auf dem Felde der Meinungsmache hat sich vom Tode des großen Karl Kraus noch immer nicht wieder erholt.

Darum ist es eine gute Nachricht, daß wenigstens diese Reihe den bedauerlichen Tod des Voltaire-Verlages überstanden hat und in der Edition Voltaire weiter erscheint. Für den Juli hofft der Herausgeber, Vesper-Triangel, den Startschuß zur zweiten Runde des Unternehmens mit einem Beststeller zu geben: Stefan Reisner stellte aus 3000 "Briefen an Rudi Dutschke" ein Lesebuch zusammen, das vermutlich dokumentarisch mehr aussagt über den kollektiv-psychischen Zustand der Bundesrepublik heute, als manche ambitiöse Analyse.