Von Alfred Grosser

Paris, im Juli

Es ist ein Triumph. Mindestens 294 Abgeordnete in der Fraktion, dazu 64 bei den zur Treue gezwungenen Unabhängigen Republikanern. In einer Kammer von 487 Mitgliedern ergibt das mehr als eine Zweidrittelmehrheit. Die Wahlen von 1958 hatten den Gaullisten nur 212 Sitze von 552 eingebracht; im November 1962 waren es 233 (von 482) und 35 enge Verbündete; im März 1967 nur noch 200 plus 44 (von 487).

Wie kam es zum Triumph? Was wollten die Wähler, die General de Gaulle und Georges Pompidou diesen in seinem Ausmaß unerwarteten Sieg geschenkt haben?

Sie haben die Ordnung bewahrt, haben die Ordnung wiederhergestellt – gewiß. Aber damit ist noch wenig gesagt. Das Wort Angst allein erklärt auch nicht viel. Welche Ordnung? Angst wovor? Keine Revolution, weil man fürchtet zu verlieren, was man hat; keine Anarchie, weil man ein ruhiges Leben führen will; sich am Bestehenden festklammern, weil alle anderen Möglichkeiten ein enormes Risiko bergen – das war natürlich all.es dabei, ohne besonders edel noch irgendwie entwürdigend zu sein. Aber die Ordnung, die man verteidigen wollte, das war noch viel mehr: eine politische Ordnung.

Die Opposition sprach von einem Parlament mit einer Mehrheit, aus der eine Regierung hervorgehen würde. In seiner Wahlansprache von Samstag forderte de Gaulle das Volk auf, ein Parlament zu wählen, "das durch eine starke, dauerhafte und einige Mehrheit die notwendige Politik unterstütze". Wollte man diese Formel lediglich als plebiszitären Aufruf verstehen, so ginge man an einer wichtigen Tatsache vorbei: Die Franzosen wollen – wie die Amerikaner und die Engländer – die Möglichkeit haben, eine Regierung zu wählen, und nicht mehr bloß, wie von 1875 bis 1958, für Abgeordnete stimmen, die dann ohne jede Kontrolle Regierungen bilden und stürzen, Koalitionen entstehen und zerfallen lassen.

Ein Wesenszug der französischen politischen Ordnung ist ein Liberalismus, der vielleicht altmodisch ist, der vielleicht zuviel von "formellen" Freiheiten hält – der aber heute nicht nur ein Traum für Polen und Tschechen ist, sondern auch eine Tradition, an der die Wählerschaft in Frankreich festhält. Das Recht auf geheime Abstimmung, Garantien für die Schwachen, die Schüchternen, manchmal auch für die Vernünftigen – es handle sich um Wahlen, um Streikbeginn, um Streikende, um Studentenversammlungen oder um die Gewißheit, daß die Kinder in der Schule unparteiisch unterrichtet werden.