Von Günter Deister

Am 19. Juni unterbrach der RIAS seine Musiksendung, und ein Sprecher verkündete: „Es ist jetzt 20 Uhr 31. Ich habe Ihnen eine freudige Mitteilung zu machen. Hertha BSC ist wieder in der Bundesliga!“ Der gleiche Sender übertrug, wie bei Länderspielen um die Weltmeisterschaft, die schon bedeutungslose Begegnung der Herthaner mit dem SV Alsenborn aus dem Olympiastadion volle 90 Minuten. Und anschließend kutschierten 17 Senatsautos die aufgestiegenen Hertha-Kicker über den Kurfürstendamm zum Rathaus Schöneberg, wo der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz den Fußballern Dank sagte.

Die Begeisterung der Berliner schlug höchste Wellen, und allenfalls John F. Kennedy und Königin Elizabeth II. hatten bei ihren Besuchen die Massen derart mobilisiert, wie jetzt die Hertha-Helden vom Wedding.

Man muß diese Explosion der Gefühle verstehen. In keinem ausführlichen Bericht, der sich mit der Gesamtsituation Westberlins beschäftigte, fehlte die Tatsache, daß die Halb-Stadt mit keinem Verein in der höchsten Klasse der Bundesrepublik vertreten sei. Fußball als Symptom für die fehlende Leistungskraft und als Ausdruck des Standortproblems von Westberlin.

Herthas Aufstieg nahm vielen Berlinern einen Minderwertigkeitskomplex. Sie litten darunter, nicht mitsprechen zu dürfen und nur am Zaun des großen Fußballs stehen zu müssen. Sie sahen sich, wieder einmal, isoliert. Und so hat ihnen gerade in einer Zeit, da die DDR-Regierung es darauf anlegt, ihr Inseldasein noch zu verstärken, der Erfolg des Vereins vom Gesundbrunnen besonders wohlgetan. Hertha BSC war in diesen Tagen mehr als ein Verein. Er war eine Weltanschauung.

Angefangen hatte die Berliner Fußballmisere vor drei Jahren mit der Verbannung Herthas aus der Bundesliga durch den DFB. Der Gesundbrunnen-Verein wurde zurückversetzt in die äußerst leistungsschwache Berliner Regionalliga. Er verlor seine Starspieler und nahm zweimal vergeblich Anlauf, um das sportlich wiederzugewinnen, was man ihm am grünen Tisch abgesprochen hatte.

Im Rückblick nun erweisen sich zwei Tatbestände als ausschlaggebend für den Wiederaufstieg. Trainer Helmut Kronsbein wurde von Hannover 96 verpflichtet, und der DFB-Bundestag gestand in einem ersten Akt der Wiedergutmachung den Berliner Vereinen zu, ihre Spieler nach Bundesligabedingungen bezahlen zu dürfen.