Unser Kritiker sah:

GLORIANA

Krönungsoper von Benjamin Britten

Stadttheater in Münster/Westfalen

Mit dieser Oper leistete Benjamin Britten vor fünfzehn Jahren seinen Beitrag zu den Feierlichkeiten anläßlich der Krönung Elizabeth II. Den Berichten zufolge erlebte Covent Garden damals einen prunkvollen Reinfall. Vor zwei Jahren jedoch hat die Londoner Sadlers’ Wells Opera das vom Komponisten revidierte Stück abermals herausgebracht. Muß man es nun auch in Deutschland aufführen? Die übrigen sieben Bühnenwerke Brittens sind an vielen Theatern gespielt worden. Auch von seinen neuen "Kirchenopern" wird die soeben in Aldeburgh uraufgeführte dritte ("Der verlorene Sohn") bereits von den diesjährigen Berliner Festwochen angekündigt. Ist an "Gloriana" etwa eine Unterlassungssünde wiedergutzumachen? Münster setzte die deutsche Erstaufführung ans Ende der Spielzeit, so daß nur noch wenige Vorstellungen stattfinden können.

Wer das deutsche Schauspiel "Elisabeth von England" kennt, das Ferdinand Bruckner nach Lytton Stracheys Buch "Elizabeth und Essex" geschrieben hat, der ist auch über die "Gloriana"– Handlung im Bilde. Brittens Librettist William Pionier stützte sich auf dieselbe Quelle. Die noch nicht dreißigjährige Königin Elizabeth II., die Brittens Widmung der Krönungsoper angenommen hatte, sah sich konfrontiert mit einer Episode aus dem Leben der ersten Elizabeth: die eifersüchtige Liebe der 66jährigen Königin zu dem 32jährigen Grafen von Essex, der als Günstling politische Karriere machen wollte, als Feldherr in Irland versagte, wieder in London, gegen die Königin eine Rebellion anzettelte und von der "Geliebten" zum Tode verurteilt wurde. Stärker als in der Oper kommt eine schockierende Szene bei Ferdinand Bruckner zur Geltung: Der ins Boudoir der Königin stürmende Essex sieht seine Gloriana ohne Perücke, eine alte Frau.

Einer Festoper entsprechend sind folkloristisches Maskenspiel und höfische Tänze in die acht Bilder eingefügt. Sie bilden den legitimen Anknüpfungspunkt für den Musiker Britten. Sein neuromantischer Eklektizismus spinnt Überlieferungen der englischen Musikgeschichte von den Virginalisten des elisabethanischen Zeitalters über Purcell weiter bis zur Diktion von Richard Strauss und dessen "Rosenkavalier"-Marschallin. Die Partitur ist leitmotivisch gearbeitet. Obwohl sich einige Solo- und Ensemblenummern herausheben – besonders ein Lautenlied des Grafen Essex, das von der Königin wiederholt wird, als sie das Todesurteil unterschreiben muß – wird der musikalische Gesamteindruck vom dramatischen Rezitativ bestimmt. Der Mangel an tragenden, durch melodische Zündkraft oder formale Steigerung bezwingenden Musikszenen legt, je länger die dreistündige Vorstellung währt, desto mehr den grauen Schleier eines preziösen Epigonentums über die schillernde Theaterszenerie.

Für die münstersche Initiative gab es eine Rechtfertigung: Martha Mödl als Elizabeth 1. Obwohl es sich um eine Sopranpartie handelt, war die Mödl in glänzender, alles überstrahlender stimmlicher Verfassung. Ihrer schauspielerischen Kraft gelang außerdem die Bindung der zerfließenden Szenen. und eine den Repräsentationspomp durchdringende Vermenschlichung der Königin.

Der Dirigent Reinhard Peters blieb Brittens Partitur nichts an Formstrenge und Klangdifferenzierung schuldig. Der Essex von Friedrich Kotscha fiel auf durch tenorale Stimmkraft und Temperament, obwohl die Vokalisierung noch unausgeglichen ist. Wenn aber eine so wichtige Szene wie die Erzählung von Essex’ Aufstand durch einen blinden Balladensänger nur unzureichend besetzt werden kann, schmilzt das Unternehmen in ein Gastspiel Martha Mödls mit obligater Theaterbegleitung zusammen. Die Premierenabonnenten der Stammsitzmiete feierten die Mödl. Mit Recht. Johannes Jacobi