Galbraith: Ich kann der Freiheit keinen so besonderen Reiz abgewinnen ("I am not particular about freedom") und ich messe ihr auch nicht die Bedeutung zu. Ich glaube nicht, daß der Mensch in irgendeiner Industriegesellschaft völlig frei sein kann. Das ist mit ein Grund der gegenwärtigen Unzufriedenheit. Im Westen wird die Freiheit nicht minder bedroht als im Osten. Im Westen sind es die Massen, die durch Fernsehen und Illustrierte manipuliert werden, im Osten werden die Individuen kontrolliert. Ich sehe da keinen großen Unterschied. Wie ich überhaupt keinen großen Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus in einer modernen Industriegesellschaft sehe. Ob wir es im Westen mit von Managern geleiteten Großunternehmen im sogenannten Privatbesitz oder im Osten mit – ebenfalls von Managern geleiteten – staatlichen Großunternehmen zu tun haben, läuft im Grunde auf dasselbe hinaus. Es kommt ohnedies nicht mehr so sehr auf die unterschiedlichen Planungsmethoden, sondern viel eher auf die Planungsziele an. Es sind eben diese langweiligen Produktionsziele – im Unterschied zu ideellen Zielen –, gegen die sich der Protest der Studenten und anderer in Ost und West richtet.

Herr Professor, wir führen dieses Gespräch hier im Angesicht der Berliner Mauer, die von einem Staat gebaut worden ist, der den Sozialismus auf seine Fahnen geschrieben hat. Glauben Sie nicht doch, daß sich hierin ein wesentlicher Unterschied der beiden Systeme ausdrückt?

Galbraith: Ich halte die Mauer für eine gute Sache (I think the wall is good); immerhin hat sie den Frieden bewahrt. Ich halte sie bloß nicht für sonderlich gut gebaut. Sie erinnert mich an Bauwerke der Organisation Todt. Im übrigen wäre es nicht fair, die Mauer dem sozialistischen System anzulasten, sie geht viel eher auf das Konto des’sowjetischen Imperialismus.

Sie würden sich also – trotz der Mauer – für den Sozialismus schlagen?

Galbraith: Nein, nicht mehr. Vor zwanzig Jahren vielleicht noch. Damals lohnte es sich noch; aber inzwischen haben sich die Systeme so sehr angeglichen, daß ich es nicht mehr für wert halte, für eines dieser beiden Systeme zu kämpfen.

Halten Sie die Freiheit für eine Art Luxusgut, das wir uns in einem modernen Industriestaat, in unserer heutigen Massengesellschaft nicht mehr leisten können?

Galbraith: Nein, das glaube ich nicht gerade, aber ich glaube, daß Freiheit etwas ist, das eine enorm große Zahl von Menschen bereitwillig aufgibt, um statt dessen einer größeren Produktion von Gütern teilhaftig zu werden. Ich behaupte nicht, daß Planung sich mit Freiheit verträgt, aber mir scheint, daß es eine der großen Entscheidungen ist, die in einer modernen Industriegesellschaft gefällt werden muß, ob man nämlich ein möglichst großes Sozialprodukt, möglichst viele Güter und Dienstleistungen haben will – oder aber ein Maximum an persönlicher Freiheit. Bis zu einem bestimmten Punkt ist der Wunsch nach Wohlstand eine Kraft, die von der Meinung der Massen diktiert wird. Bis zu einem bestimmten Punkt legen beide Industriesysteme (das kapitalistische und das sozialistische) den Werktätigen Beschränkungen auf, zwingen sie ihnen ihren Willen auf. Das gilt sowohl für die Produktion wie auch für den Konsum.