Von Alexander Rost

Manche mögen das Land der Griechen mit gleichsam barfüßiger Seele gesucht haben. Aber der Pilgerpfad in die Gefilde der Kalokagathie ist längst blockiert; und der Wegweiser zur Einfältigkeit des Schönen und Guten, in Unterprima einst errichtet, zeigt mittlerweile in die Einfalt der Touristik: Akropolis, son et lumière...

jenes Griechenland, das mit Wörtern wie "edel" oder "wahr" markiert wurde, ist heute schwieriger zu finden denn je. Doch wo andere suchend umherirrten, hat ein Engländer exakt erkundet; "günstigen Fahrtwind sandte der treffende Schütze Apollon" (Ilias, I, 479) für

Ernle Bradford: "Die griechischen Inseln"; Prestel Verlag, München; 406 S., 19,80 DM.

Als "Ein Führer" wird das Buch im Untertitel erklärt. In seinen Kapiteln, die nüchtern mit den Namen der Inseln überschrieben sind, wimmelt es von Informationen aus Archäologie und Gastronomie, Mythologie und Meereskunde, Geographie und alter und neuer Geschichte, Fauna, Flora und Ethnologie. Mit den üblichen Reiseführern aber hat es nichts gemein. Es ist kein Buch zum Nachschlagen, sondern zum Lesen, dauerhaft lehrreich durchaus und nie in Gefahr, durch einen Fahrplanwechsel außer Kurs gesetzt zu werden.

Ernle Bradford war Matrose mit dem Homer im Seesack; und die zerlesene zweisprachige Odyssee-Ausgabe lag noch in seinem Blechkoffer, als er Navigationsoffizier auf einem Zerstörer im Mittelmeer war. Schließlich benutzte er sie als eine Art Seehandbuch, während er allein in einem Segelboot seine "Reisen mit Homer" unternahm. Der Bericht darüber (in deutscher Übersetzung 1964 im Scherz-Verlag, München, erschienen) hat ihn, unter Kennern jedenfalls, berühmt gemacht. Er hat außerdem über America’s Cup geschrieben, über die am heftigsten umstrittene Trophäe im Jachtsport, und eine Biographie des Sir Francis Drake verfaßt, die den Piraten und Admiral mit den Augen des Seemannes sieht, besonders scharf also und milieugerecht.

Ernle Bradford ist als Altphilologe nur Amateur, wenn er auch den Griechischlehrern keinen schlechten Tip gegeben hat, falls es darum geht, Schülern gegenüber die Mühsal des Dativus sympatheticus, der Verba suppletiva und all dessen, was man nach dem Abitur sofort in den Orkus der Vergessenheit verdammt, einigermaßen zu rechtfertigen. In der Einleitung zu seinen "Reisen mit Homer" merkt er an: "Ich gefiel mir in dem Gedanken, dadurch, daß ich die Sprache der Griechen verstand, noch immer Zugang zu einem gesunden Menschenverstand zu haben, wie er in all dem, was ich täglich in meiner eigenen Sprache las, längst abhanden gekommen war."