Die Große Koalition hat sich auf einen gemeinsamen Fahrplan bis zum Ende der Legislaturperiode im Herbst 1969 geeinigt. Der "Kreßbronner Kreis" – die Führungsmitglieder der beiden Koalitionspartien –, verabschiedete am vorigen Wochenende in Bonn einen Zwanzig-Punkte-Katalog zur Innenpolitik, mit dem der Rest des Regierungsprogramms vom 13. Dezember 1966 erfüllt werden soll. Vier wichtige Probleme blieben bei der siebenstündigen Besprechung ausgeklammert: Wahlrechtsreform, Erweiterung der Mitbestimmung, Vermögensbildung, Neuwahl des Bundespräsidenten.

Den Akzent ihrer gesetzgeberischen Arbeit wollen die Regierungsparteien dabei auf die Finanz-, Verkehrs-, Agrar- und Strafrechtsreform legen. Regierungssprecher Ahlers nannte als weitere Vorhaben: Harmonisierung der Beamtenbesoldung in Bund und Ländern, die Erweiterung der Publizitätspflicht für Unternehmen, das Arbeitsförderungsgesetz und verschiedene Renten- und Steuergesetze.

Finanzminister Strauß und Verteidigungsminister Schröder kündigten Sonderleistungen an: Sie wollen der Öffentlichkeit noch in diesem Jahr ein "Sozialbudget" und ein Weißbuch zur Verteidigungspolitik vorlegen. Bundeskanzler Kiesinger drang außerdem auf einen "nationalen Bildungsplan", auf eine beschleunigte Verwaltungsreform, für die alsbald eine Bundeskommission eingesetzt werden soll, und auf eine engere Kooperation zwischen Wissenschaft und Staat.

Die koalitionsinterne Abstimmung war nötig geworden, nachderr der SPD-Vorsitzende Brandt vor vierzehn Tagen gewarnt hatte: Einflußreiche Kreise der Unionsparteien seien darauf aus, in der zweiten Halbzeit der Großen Koalition "wichtige Dinge beiseite zu schieben". Darauf Kiesinger: "Diese Behauptung ist, und zwar sowohl in der Innen- wie in der Außenpolitik, völlig grundlos." In jeder Partei gebe es drängende und zurückhaltende Kräfte, nicht zuletzt, wie die Erfahrung gezeigt habe, in der SPD selbst.

Nach dem Treffen des Kreßbronner Kreises schrieb die "Frankfurter Rundschau": "Unschwer läßt sich voraussagen: die nächste Rauferei zwischen den Koalitionsfraktionen kommt bestimmt."