Von Hans-Henning Pistor

Dieses Prager Gebäude gleicht beklemmend all den Schulhäusern, die um die Jahrhundertwende in Mitteleuropa gebaut worden sind: lange, dunkle Gänge, in mehreren Stockwerken übereinander, mit zahllosen Türen, dahinter Klassenräume mit altem, abgenutztem Mobiliar, wenig einladend; eine breite Treppe, Umschlagplatz für Hunderte von Schülern in den Pausen. Wer selbst seine Lehrjahre in einer solchen Schule abgesessen hat, fühlt sich zugleich abgestoßen und heimisch, der Geruch ist überall der gleiche.

Viel Zeit für sentimentale Erinnerungen bleibt uns nicht; wir finden uns in engen Bänken wieder, ganz in der Gegenwart. Der Direktor begrüßt uns herzlich, ohne Pathos, aber mit dem leisen Vorbehalt eines Mannes, der skeptisch ist gegenüber offiziellen Begegnungen.

Ein halbes Jahr hat die Vorbereitung in Anspruch genommen. Mit soliden Kenntnissen in der Theorie des dialektischen Materialismus und von der kommunistischen Wirklichkeit, von böhmisch-tschechoslowakischer Geschichte, von Prager Kunst und Literatur haben sich dreißig Primaner der Internatsschule Birklehof aus dem Schwarzwald auf eine Begegnung mit der Goldenen Stadt eingelassen. Nun sitzt man plötzlich dem Direktor einer Mittelschule in der Prager Neustadt gegenüber, darf Fragen stellen und kann prüfen, ob die Antworten ins Bild passen.

Sie passen nicht! Ob die Einhaltung des zentralen Lehrplans ebenso streng kontrolliert werde wie in der DDR, will einer wissen. "Wir haben eine eigene pädagogische Tradition" und "Wißt ihr über die Verhältnisse in der DDR wirklich so gut Bescheid?" ist die unmißverständliche Antwort. "Reden wir doch lieber über Dinge, die uns angehen." Der Vergleich mit der DDR wird nicht geschätzt.

Wenig später im Gespräch unter Kollegen: "Hat die russische Pädagogik, etwa Makarenko, nennenswerten Einfluß auf Ihr Erziehungssystem gehabt?" Wieder eine bestimmte, mit leisem Vorwurf gemischte Antwort: Makarenko habe für russische Verhältnisse geschrieben, die pädagogische Situation in der Tschechoslowakei sei grundsätzlich anders. Und wieder der Hinweis auf die eigene, Jahrhunderte alte Tradition.

Währenddessen unterhalten sich die deutschen Schüler mit Altersgenossen aus der Deutschklasse der Prager Schule. Die Devise ist inzwischen klar: ohne politische Ideologien, dafür mit Offenheit und Sachverstand. Sie verstehen sich erstaunlich gut; Einladungen werden ausgesprochen, Ver-