Der Kurs der Aktie der Daimler-Benz AG, Stuttgart, ist im 1. Halbjahr 1968 von 644 auf 900 Prozent gestiegen, also um etwa 37 Prozent. Ist diese kräftige Höherbewertung gerechtfertigt? Wer sich in seiner Beurteilung allein auf die erkennbare Gewinnsituation des Unternehmens stützt, wird keinen Anhaltspunkt für eine solche Kurssteigerung finden, denn das Geschäftsergebnis 1967 ist gegenüber dem des Vorjahres kaum verändert. Das Betriebsergebnis hat sich sogar infolge der konjunkturbedingten Produktionseinschränkungen im Lkw-Bereich etwas vermindert. Kann sich die Hausse der Daimler-Aktie wenigstens auf bessere Gewinnaussichten für 1968 stützen? Der Sprecher des Daimler-Vorstandes, Dr. Joachim Zahn, nannte als Umsatzziel ein Plus von 7 bis 8 Prozent, das Ergebnis wird, so meinte er, jedoch abermals in etwa gleich bleiben, "vielleicht etwas besser werden".

Ist bei diesen Aussichten die Daimler-Aktie überbewertet? Hat nicht die in diesem Papier bestehende Marktenge für eine gewisse "Überhitzung" gesorgt? Niemand wird solche Gefahren für die Daimler-Aktie ausschließen können. Doch ist zu berücksichtigen, daß in den letzten Monaten nicht "Lieschen Müller" Daimler-Aktien gekauft hat, sondern potentere Leute, auch Investment-Fonds, die wissen sollten, was sie taten.

Bestechend für eine Anlage in Daimler-Aktien ist weniger die erkennbare Gewinnentwicklung, sondern vielmehr der Umstand, wie das Unternehmen das Krisenjahr 1967 hinter sich gebracht hat. Es hat den hohen Umsatz des Jahres 1966 halten können, obwohl 1967 der bisher umfassendste Modellwechsel in der Geschichte des Werkes vorgenommen wurde, obwohl der Absatz durch die konjunkturelle Unsicherheit zeitweise gehemmt wurde, obwohl die Pfund-Krise das Geschäft erschwerte und der Export durch den Nahost-Konflikt Hemmnisse zu überwinden hatte und schließlich obwohl die Ankündigung des Leber-Planes dem Lkw-Absatz alles andere als zuträglich war. Dennoch ist man bei den Nutzfahrzeugen niemals in die roten Zahlen geraten. Heute bestehen im Lkw-Bereich wieder Lieferfristen von zwei bis vier Monaten.

Die Lieferzeiten bei den Personenkraftwagen sind erheblich länger. Bei den Wagen bis zu 2,5 Liter betragen sie sieben bis acht Monate, über 2,5 Liter drei Monate. Durch verstärkte Investitionen sollen diese Lieferfristen verkürzt werden. Angesteuert wird zunächst eine Monatsproduktion von 20 000 Stück (Ende 1967: 18 000).

Die Daimler-Benz AG hat in dem konjunkturschwachen Jahr 1967, ungestört durch finanzielle Sorgen, den Ausbau des Unternehmens, vor allem auch der Verkaufs- und Service-Organisation, fortgesetzt, so daß sie ohne Zweifel im erheblichen Grade Nutznießer der immer deutlicher werdenden Konjunkturbelebung sein wird. Man wird aber heute schon sagen können, daß der Aktionär die Früchte daraus kaum in Form höherer Barausschüttungen ernten wird. Die Überschüsse dienen bei Daimler der Sicherstellung der langfristigen Expansion. Darauf müssen sich auch die freien Aktionäre einstellen.

kw