Von Alexander Rost

Alle Sportwelt hatte auf ihn, wenn nicht gewettet, so doch getippt. Literat, der braune Hengst aus dem Gestüt Fährhof, war der erklärte Favorit für das 99. Deutsche Derby. Ihn zu reiten, flog Lester Piggott herbei, der Karajan unter den Jockeis gleichsam. Aber Literat wurde nur Fünfter; und wenn es nach seinem Trainer Sven v. Mitzlaff gegangen wäre, hätte er den Zielpfosten gar nicht mehr passieren sollen. "Hätte er ihn doch um Gottes willen angefallen", beklagte sich der Trainer über den Jockei. Für Sven v. Mitzlaff war es nur ein schwacher Trost, daß er auch den Sieger in diesem Derby, Elviro aus dem Gestüt Waldfried, trainiert hatte. "Literat", so fürchtet man, wird monatelang ausfallen.

Fast 40 000 Zuschauer in Hamburg-Horn, der Bundespräsident, der Hohenzollern-Prinz Louis Ferdinand, die übliche Modeparade, Sonnenschein, ein bißchen Gedränge an den Wettschaltern – es hätte ein großes Derby geben können. Aber das eigentliche Bild im prächtigen Rahmen war diesmal etwas düster; denn es war keineswegs jene im Turf wie im Sport überhaupt gerühmte "glorreiche Ungewißheit", die den Ausgang dieses Deutschen Derbys kennzeichnete.

Was aber war es? Warum wurde der Favorit gestürzt? War’s simpel Pech? War raffinierte Taktik im Spiel? Oder hat, rundheraus gesagt, der Star-Jockei Lester Piggott diesmal versagt? Auf der Rennbahn noch wurde darüber gestritten. Doch wahrscheinlich trafen hier Unglück und Ungeschick zusammen.

Literat (von Birkhahn aus der Lis, am 10. März 1965 gefohlt) ließ mit seiner Karriere auf sich warten, wurde von dem Bremer Kaffeegroßhändler Walter J. Jacobs gekauft und schien prompt einen Galopp ins Glück anzutreten. Beim Dr.-Busch-Memorial wurde er Zweiter; aber das war sein Jahresdebüt. Im Henckel- und dann im Union-Rennen siegte er; und wenn auch mancher Experte unkte, daß in der Literat-Familie das Stehvermögen nicht gerade eine typische Eigenschaft sei – er galoppierte die 2200 Meter der Union in Köln so mühelos herunter, daß er auch für die 2400-Meter-Derby-Distanz nichts zu befürchten ließ. Mehr noch: Er war nun vollends Favorit.

Im Feld der elf Pferde, die auf der Horner Bahn aus den Startboxen herausgaloppierten, lag Literat bald in ungünstiger Position. Es schien, als hielten die anderen Jockeis trotz aller Rivalität untereinander in ihrer Taktik gegenüber Lester Piggott brüderlich zusammen. Und es sah aus, als wollte der britische Jockei (der am Tage zuvor das Irische Derby gewonnen hatte) mit Gewalt aus dem Pulk herauskommen. "Er ist dem Bacchus einfach in die Hacken galoppiert", behauptete Jockei Peter Remmert. Ob Literat sonst gewonnen hätte, ist eine müßige Frage. Er hat sich verletzt; erste Diagnose: Fissur am linken Vorderbein; die Sehne ist nicht gerissen.

Das Galopp ins Glück war hinkend beendet worden. Kurz hinter dem Zielpfosten stieg Lester Piggott ab. Ein betretenes Gesicht schaute in betretene Gesichter. Literat sei "einfach zusammengebrochen", meinte der Jet-Starjockei. Dann verschwand er eilends und flog davon.