Die Bundesbahn-Aktion "Fahrrad am Bahnhof" wurde plötzlich ein Erfolg. An bayerischen Bahnhöfen verlangten im vorigen Sommer die Urlauber mehr Fahrräder, als die Beamten zu verleihen hatten. Andere Bahnhöfe und Fremdenverkehrsämter in Hessen, Baden-Württemberg und anderen deutschen Landen erinnerten sich nach den bayerischen Erfolgen an diese Aktion der Bundesbahn und locken nun ebenfalls mit Fahrrädern. Urlaub mit dem Fahrrad, im Münsterland (Westfalen) auf den "Pättkes", den Pfaden, zuerst propagiert, ist heute fast schon ein Begriff wie Urlaub auf dem Bauernhof. Es gibt nicht nur Räder, auch Radwanderwege, Karten für die Radler und sogar organisierte Radwanderungen als jüngste Form des Gruppentourismus werden angeboten.

Der Zweirad-Tourismus ist nur die Randerscheinung einer plötzlichen Sinnesänderung der Bundesbürger. Die Deutschen waren in den letzten Jahren des Fahrrades überdrüssig geworden. Fahrrädern, ebenso wie Motorrädern, haftete ein Arme-Leute-Geruch an. Wer auf sich hielt, kaufte ein Auto. Aus den Großstädten verschwanden die Räder fast völlig. Die Umsätze der deutschen Zweirad-Industrie schrumpften fast um die Hälfte. Um zu überleben, mußten sich die Hersteller auf den Export verlegen.

Doch im vergangenen Jahr stieg die Nachfrage. Die Fabrikanten verkauften fast 1,2 Millionen Fahrräder – rund zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. Den Erfolg brachten nicht die klassischen hohen Räder, sondern die kleinen zusammenklappbaren Fahrräder. Heute ist jedes vierte Fahrrad, das in Deutschland gekauft wird, ein Faltfahrrad.

Freilich, als Verkehrsmittel ist das Fahrrad noch immer tot. In deutschen Haushalten stehen über 23 Millionen alte Zweiräder. Die meisten werden wohl überhaupt nicht mehr benutzt, bestenfalls noch gelegentlich. Die Deutschen kaufen die neuen Klappräder vielmehr als Zubehör zum Auto: Das Klapprad liegt im Kofferraum. Gelegentlich wird es dann zu einer Spritztour ins Grüne ausgepackt.

Das Klapp-Radeln ist eine Modeerscheinung. Die Werbung hat das längst erkannt: Klappräder sind Symbol für moderne Lebensführung

Ein Motiv ist das Radeln für die Gesundheit. Auf dem Klapprad schöpfen Deutschlands Autofahrer frische Luft, verschaffen sie sich die ärztlich angeratene Bewegung.

Die Fabrikanten freilich wollen ihre Klappräder, bestückt mit kleinen Motoren, für den Stadtverkehr gesellschaftsfähig machen. Ihre Argumentation: Die Straßen der Städte sind verstopft, die Autofahrer werden auf ihr Klapp-Moped umsteigen und schneller am Ziel sein, Sie setzen außerdem auf die Jugendlichen und die Autofahrer, denen der Führerschein entzogen wurde: Die Mini-Motorräder darf jeder fahren, der älter als fünfzehn ist. rod