Die Ankündigung scheint zunächst mit Vorsicht formuliert: Er habe, erklärte Papst Paul VI. letzte Woche in seiner üblichen Generalaudienz im Petersdom, "Grund zu der Annahme, daß die wenigen, aber geheiligten sterblichen Überreste des Apostelfürsten gefunden sind". Das Oberhaupt der katholischen Kirche entschied sich damit für die bei weitem nicht unbestrittene These der italienischen Archäologin Margherita Guarducci, die in dem Inhalt eines unter dem Hauptaltar des Petersdoms gefundenen Kastens die Gebeine des heiligen Petrus entdeckt und identifiziert zu haben glaubt. Die Knochen waren durch den Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Palermo aus einem Berg von Schaf-, Schweine-, Rinder-, Hühner- und Mäuseknochen aussortiert worden und sollen etwa die Hälfte eines Skeletts eines 60- bis 70jährigen Mannes zwischen 163,6 und 167,9 Zentimeter Größe ergeben. Frau Guarducci verweist außerdem auf eine griechische Inschrift an der Stelle, wo die Knochen aufgefunden wurden, die auf das dort liegende Grab des Petrus hinweise.

Schon zu Weihnachten 1950 hatte der damalige Papst Pius XII. bekanntgegeben, daß man das Grab des Petrus, der vermutlich im Jahre 69 gekreuzigt wurde, gefunden habe, hatte aber auch gesagt, daß eine Identifizierung gefundener Knochenreste nicht möglich gewesen sei. Nun hat Paul VI. den Wissenschaftler-Streit beendet: "Die Reliquien des heiligen Petrus sind auf eine Weise, die Wir als überzeugend hinnehmen können, identifiziert worden."

Niemand wird Wissenschaftlern die Anerkennung neiden, die ihre Arbeit durch kirchliche Stellen erhält. Niemand wird dem Papst das Recht bestreiten, etwas, das "Wir als überzeugend hinnehmen können", zu glauben.

Aber das Konzil sollte eigentlich gezeigt haben, daß es im Augenblick wirklich notwendiger ist, sich um die Lebenden als um die Toten zu kümmern. Die Kirche erwartet vom Papst seit einer Reihe von Jahren Entscheidungen zu "Fragen des Glaubens und der Sittenlehre", die dringlicher und lebenswichtiger sind als die der Identität von Heiligen-Gebeinen.

Heinz Josef Herbort