VonMarion Gräfin Dönhoff

Kürzlich schrieb die "Berliner Zeitung in Ostberlin, die sich wieder einmal über die Ereignisse in der ČSSR entrüstete, das Eingeständnis eines Prager Professors, die Kommunistische Partei in der ČSSR sei eine Minderheit, solle anscheinend zur Begründung für die Abdankung der KP als führender Kraft herangezogen werden. Das Blatt fragte empört: "Wer in aller Welt hätte je die führende Rolle der marxistischleninistischen Partei davon abgeleitet, daß sie die Mehrheit aller Staatsbürger zu ihren Mitgliedern zählte?" Die "Vorhut der Arbeiterklasse" sei nicht identisch mit der "Hauptmasse des Volkes", die Sache aber, für die die kommunistische "Minderheit" kämpfe, sei "die Sache der Mehrheit".

Im Klartext heißt dies, der Wille der Mehrheit ist total gleichgültig, denn wer nicht zur KP gehört, ist ohnehin ein Dummkopf und zählt nicht: Nur die Elite, die sich in der KP zusammengefunden hat – also eine Minorität – ist in der Lage, die Interessen der Majorität zu begreifen und zu artikulieren. Eine, wie man zugeben wird, äußerst autoritäre und reaktionäre Auffassung von Demokratie – auch von östlicher Demokratie, dies beweist das Beispiel ČSSR.

Das Besondere an den Vorgängen in der Tschechoslowakei ist die Tatsache, daß dort die Revolution gerade von der Kommunistischen Partei ausgeht und nicht von unzufriedenen Andersdenkenden – von "Konterrevolutionären", wie es im östlichen Jargon gern heißt. Es waren nicht, wie am 17. Juni 1953 in der DDR, ärgerliche Arbeiter, die sich über Normenerhöhungen empören, welche den Aufstand auslösten, oder wie 1956 in Ungarn, Studenten und Arbeiter, die sich gegen Unterdrückung und Freiheitsberaubung erhoben. In der ČSSR wäre es nie zur Revolution gekommen, wenn nicht das Parteipräsidium – die höchste Spitze der KP – selbst eingesehen hätte, daß das Novotny-Regime eine Perversion dessen darstellte, was Marx und Lenin als Kommunismus vorschwebte. Denn deren Vorstellungen hatten ja schließlich sehr viel mit Humanismus und Freiheit zu tun.

Rude Pravo veröffentlichte in der vorigen Woche eine Meinungsumfrage, die das Zentralorgan der KP unter 38 000 Lesern im ganzen Land durchgeführt hatte: 60 Prozent der Parteimitglieder und 90 Prozent aller Befragten halten es für gut, wenn sie auch in einer "sozialistischen Demokratie" zwischen verschiedenen "unabhängigen politischen Parteien" wählen könnten.

Frage an die DDR: Gilt auch innerhalb der KP, also der "Vorhut der Arbeiterklasse", die SED-Devise, daß die Meinung der Mehrheit unerheblich ist und nur die Minderheit weiß, worum es geht? Dann sollte man doch lieber gleich sagen: Die kleinste Minderheit, der eine einzige – sei es Stalin oder Ulbricht oder wer immer – weiß am besten, was dem Volke frommt, der soll ganz allein entscheiden.

In Prag, wie gesagt, denkt man anders. Seit in der vorigen Woche in Literarny Listy, der Zeitung des Schriftstellerverbandes, das Manifest der 2000 Worte erschien, das dazu aufrief, die Demokratisierung voranzutreiben und die Stalinisten notfalls mit gezielten Aktionen aus dem Parteiapparat auszumerzen, solidarisieren sich die Arbeiter allenthalben mit dieser Forderung der Intellektuellen.