Mittwoch, 26. Juni, 1. Programm: "Hafen für die Welt"

Halten wir uns ausnahmsweise einmal nicht an die Autoren, sondern an den Produzenten einer mißratenen Sendung, setzen wir uns mit dem Meister selbst ins Benehmen, sprechen wir Rudolf Rohlinger an; denn Rohlinger, das bedeutet so viel wie Witz und Akkuratesse, Ironie, exakte Belehrung und aufklärerisches Bemühen, bedeutet Schalkssinn, Klarheit und Humanität.

Und alles das ins Gegenteil verkehrt und alles das aufs Spiel gesetzt – für eine Stunde gewiß nur, doch das immerhin – indem ein Film mit dem Gütezeichen RR geehrt wurde, ein bunter Streifen über Rotterdam, der so verwegen, so abenteuerlich schlecht war, daß man noch nicht einmal zusammenzuckte, als der Sprecher erwähnte, die Rotterdamer Bürger sähen noch genauso wie im Mittelalter aus, als Rembrandt seine Bilder malte. (Das siebzehnte Jahrhundert als Mittelalter: Beim großen Computer von Godesberg, das darf doch einfach nicht wahr sein!)

Nichts paßte zu nichts, alles war möglich. Man sah immer wieder die gleichen Kräne und Haken, aber nördlich der Centrai-Station schien es kein Rotterdam mehr zu geben; neu war die Stadt, schnieke und schmuck, von Kopf bis Fuß in die Modernität der Lijnbaan gehüllt, ohne die melancholisch-staubgrauen Häuserkolonnen des Nordens (aber auch ohne Maastunnel, Verkehrshochbrücke und Parks), selbst der Euromast, von dem man doch wenigstens ein einziges Mal hätte rund herum schauen können, kam nur für Sekundenbruchteile ins Bild, dafür wurden um so ausgiebiger Rotterdams Schlafgefilde, die Wohnbezirke für die im Hafen beschäftigten Leute gezeigt: aber mit wie viel antizivilisatorischem Pathos, wie lesebuchartig und altvörderlich!

Alles organisiert, Baukästen, langweilig, künstlich, kalt und abstrakt: Nach dem Verlust der Mitte, nach Butzenscheiben-Sehnsucht und romantischer Mittelalter-Verklärung (Rembrandt eingeschlossen) klang es, und der Betrachter am Bildschirm war nicht überrascht, als man ihm nachwies, daß mitten in Rotterdam eine Kathedrale von gestern dem Geschäftshaus von heute habe Platz machen müssen.

Pfui über dich, Stadt, deren Raffinerien dem christlichen Seemann anno 68 eher als das Kirchlein vom liebkleinen Brielle vor die Okulare geraten: pfui über dich, die du weder Hongkong-Bars noch Reeperbahn-Zuhälter oder Amsterdamer Bordell-Bürgerinnen besitzt, pfui über Europens künstliches Herz, von dem kein echter Seemann träumen mag. (Aber dafür vielleicht, auf die Heuer bedacht, des Seemanns Frau und Kinderschar?)

Aber genug: genug von einer Stadt-Betrachtung, an der gemessen Gustav Freytags Beschreibungen der Firma T. D. Schröter Glanzstücke weltbürgerlicher Urbanität sind, genug von Sprach-Klischees, grammatikalischen Schnitzern und Floskeln, die geprägt waren vom Gesetz der unfreiwilligen Komik (Der Mann hat fünfundzwanzig Jahre gearbeitet, ohne Atem zu holen ... o ja, so etwas will schon erwähnt sein, das gibt es schließlich auch in Rotterdam nicht jeden Tag), genug der Belege (ich hatte selten so viele Ungereimtheiten aufzuschreiben) – nichts mehr von der Musik und den Porträts der Exempel-Figuren, die schemenhaft blieben und zur Verdeutlichung der Stadt-Physiognomie nichts beitragen konnten.