Von Gottfried Sello

Die öffentliche Diskussion über die documenta IV begann schon ein halbes Jahr vor ihrer Eröffnung. Seit dem vergangenen Oktober, seit Werner Schmalenbachs vieldiskutiertem Austritt aus dem documenta-Rat "aus Gründen künstlerischer Überzeugung" war die deutsche Kunst-Welt voller Gerüchte, Spekulationen, Behauptungen und Dementis, Voraus-Lob und Voraus-Tadel für die Kasseler Kunstschau. Seit dem 27. Juni haben nun die Theoretiker Gelegenheit, ihre Positionen zu überprüfen; bis zum 6. Oktober hat das Publikum Zeit, sich eine eigene Meinung zu machen. Die Diskussionen werden weitergehen. Nachdem die IV. documenta schon so zeitig zu einem Streitobjekt geworden ist, halten wir es für nützlich, die Diskussion über die Landesgrenzen hinaus zu erweitern. Was halten ausländische, von innerdeutschen Kontroversen nicht tangierte Kritiker von der IV. documenta? John Russell, Kunst-Kritiker der englischen Zeitung SUNDAY TIMES, wird sich nächste Woche als erster zu dieser Frage äußern.

Die Eröffnung dauerte sechs Minuten. Arnold Bode und seine Getreuen atmeten auf, als alles vorüber war. Oberbürgermeister Branners Festrede stand im Zeichen von Minimum Art, Reduktion auf die einfachsten Elemente: Gruß und Dank. Die übrigen Festreden wurden nicht gehalten, sie wären im Tumult der Proteste, Störaktionen und Sprechchöre untergegangen.

Man denke zurück an die Ouvertüre der III. documenta. Das Fest auf der Wiese konnte gar nicht lang genug dauern. Wir hörten zwei große Grundsatzreden, Werner Haftmann zur aktuellen Situation der Kunst, den Senator Werner Arndt über das Verhältnis von Staat und Kunst, ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst. Eines der längsten Brecht-Gedichte zum Ausklang.

Vier Jahre ist das her, niemand hätte sich vorstellen können, daß jemals schrille Mißtöne das documenta-Idyll stören, daß die Gegner mit Stinkbomben argumentieren würden.

Dabei ist alles noch viel glimpflicher verlaufen, als man nach der Meldung, 5000 Protestler befänden sich im Anmarsch auf Kassel, erwarten mußte. Die Geisterarmee blieb aus, die Studenten waren anderweitig beschäftigt, in Kassel hat sich nicht wiederholt, was in Mailand und in Venedig geschehen war. Die IV. documenta wurde nicht, wie die Triennale, im Handstreich okkupiert und geschlossen, und sie mußte nicht wie die Biennale unter Polizeischutz gestellt werden. Das schreckliche venezianische Desaster blieb uns erspart, und die Künstler hatten keinen Anlaß, aus Protest gegen die Polizei ihre Werke zurückzuziehen, abzuhängen oder zu verhüllen.

Gut, die documenta ist noch einmal davongekommen, daß sie überhaupt gefährdet war, ist schlimm genug, resultiert aus einer grotesken, widersprüchlichen, pervertierten Situation. Da wird seit Jahr und Tag die Freiheit der Kunst gegen autoritäre, restriktive Maßnahmen des Staats verteidigt, obgleich dieser Staat, sprich die Bundesrepublik, an Korrektheit und Liberalität, was sein Verhalten gegenüber der bildenden Kunst betrifft, wenig zu wünschen übrig läßt. Und es sind auch keine fanatisierten Gegner der modernen Kunst, nazistische oder neofaschistische Elemente, die gegen die documenta Sturm laufen. Es sind gerade die Kreise, für die sie gemacht ist, die sich mit ihr identifizieren sollten, die sogenannten progressiven Kräfte, Künstler und Studenten.