Kassel

Es hätte die größte Skulptur des Jahrhunderts werden sollen. "Es" hätte das Wahrzeichen der 4. documenta werden und zum – 80 Meter hohen – Ruhm der Stadt Kassel, diverser Industriemäzene, vor allem aber des jungen bulgarischen Künstlers und Verpackungsfetischisten Christo Javacheff beitragen sollen.

Statt dessen sackte "Es" kläglich in sich zusammen, streckte sich der Länge nach auf dem feuchten Rasen der Karlsaue vor der Orangerie aus – und dient all jenen zum Spott, die in der documenta ohnedies eine Festaufführung von des "Kaisers neuen Kleidern" argwöhnen.

"Es", das ist die Plastik, das "Ding", die "Bratwurst", der "Rollbraten", der "Phallus", der "Riesenwal" oder wie die Monumental-Skulptur, die sich Christo als Beitrag zur documenta ausgedacht hatte, auch immer apostrophiert werden mag. "Es", genauer, seine 30 Zentner schwere Polyäthylen-Hülle, sollte mit Kasseler Luft aufgeblasen werden. "Es" hielt dem Luftdruck jedoch nicht stand und platzte über eine Länge von acht Metern. Das war am Montag voriger Woche, vier Tage vor der offiziellen Eröffnung der documenta. "Es"-Erfinder Christo ließ sich nicht entmutigen. Helium sollte nun dem schweren, mittlerweile geflickten Ungetüm auf der Karlsaue Auftrieb geben.

Nachts, im gespenstischen Licht von Scheinwerfern, wurde bei kühlem Westwind das teure Helium eingeblasen. Im Morgengrauen schließlich erhob "Es" sich dann gemächlich Meter um Meter vom Rasen. Das Häuflein Christo-Begeisterter schloß Wetten ab, ob "Es" sich wohl zu voller Höhe und Schönheit aufrichten werde. Just in dem Augenblick, als die Halteseile gekappt wurden und der große Augenblick gekommen schien, da die Kunst über die Technik triumphierte und Christo seinen Traum verwirklicht sah, läuteten die Glocken einer Kirche.

Für Sekunden herrschte auf der Karlsaue Jubel, gab es Beifall – und Künstler Christo lächelte. Das verschnürte Ungetüm reckte sich vor schwarzen Gewitterwolken zum Himmel, aber noch bevor es den Triumph der Senkrechten voll auskosten konnte, demütigte es der Wind wieder in die Waagerechte, verneigte es sich nach allen Richtungen hin und senkte sich dann mit seinem 5600-Kubikmeter-Bauch auf die Karlsaue – schlaff und lustlos. Was übrigblieb, war eine kläglich formlose Plastikmasse, umgeben von einem Gewirr von Perlonschnüren. W. B.