Von Wolfgang Müller-Haeseler

Bedrucktes Papier ist weder gut noch böse, aber mächtig und gewalttätig. Wer druckt und publiziert, schwimmt zwischen Scylla und Charybdis. Er sollte danach trachten, weder in den Sog der öffentlichen Verführer zu geraten noch an der Klippe der Wirkungslosigkeit zu scheitern. Diese fast prophetischen Worte finden sich in einem Buch, das der Christian Belser Verlag in Stuttgart zu Anfang dieses Jahres über seine Tätigkeit herausbrachte, lange bevor sein Hauptgesellschafter Hans Weitpert die Pressesensation des Jahres schuf: er kaufte von Axel Caesar Springer den Münchner Kindler und Schiermeyer Verlag, in dem die Zeitschriften "Jasmin" und "Twen" sowie "Eltern" und die Jugendzeitschrift "Bravo" erscheinen.

Der kleine drahtige Dreiundsechzigjährige, der in seinen sechs Druckbetrieben die Technik bis zur Perfektion getrieben hat und der stolz darauf ist, daß sich Erzeugnisse seines Hauses fast Jahr für Jahr unter den "schönsten Büchern des Jahres" befinden, wird sich nach der spektakulären Transaktion möglicherweise schneller zwischen Scylla und Charybdis wiederfinden, als ihm lieb ist. Nicht ohne Befriedigung verweist Hans Weitpert darauf, daß nach Bekanntwerden des Kaufabschlusses zwischen ihm und dem Hause Springer sich alle Welt verblüfft fragte: Wer ist Weitpert? "Ich habe bisher mehr in der Stille gewirkt", kommentiert er die allgemeine Überraschung, "und ich möchte, daß es – soweit es geht – auch in Zukunft so bleibt."

Daß es nicht so bleiben wird, läßt sich ohne prophetische Begabung schon heute voraussagen. Dazu sind die von ihm erworbenen Projekte viel zu explosiv, dazu hat hat sich der Verleger vorwiegend schöngeistiger Bücher allzusehr auf ein Feld begeben, auf dem eine andere, härtere Konkurrenz herrscht als auf seinem bisherigen Tätigkeitsgebiet. Die Frage, wie er seine bisherige Linie – mit Stolz weist Weitpert auf einen technisch hervorragenden Bildband über das Zweite Römische Konzil vor, der ihm eine Privataudienz beim Papst und eine sonst Konzilteilnehmern vorbehaltene Medaille eintrug – mit einer umstrittenen Zeitschrift wie etwa "Jasmin" vereinbaren könne, beantwortet er mit einem kühlen Hinweis auf die journalistischen Freiheiten, die er seinen Mitarbeitern zu gewähren gedenke.

Vielleicht steckt hinter aller Selbstsicherheit des gebürtigen Münchners dennoch etwas Unsicherheit, denn diese Kombination von Talar und Sex birgt für beide Teile des neuen Weitpertschen Imperiums zweifellos Gefahren. So erklärt er den Kauf des Münchner Verlages auch keineswegs mit verlegerischen Ambitionen, sondern mit nüchternen wirtschaftlichen Notwendigkeiten.

Zu seinem aus sechs Druckereien und sieben Verlagen bestehenden Konzern gehört als dickster Brocken das ehemalige Ullstein-Druckhaus in Berlin-Tempelhof, das er vor vier Jahren von Springer erworben hatte, als jener sein pompöses Druckhaus unmittelbar an der Sektorengrenze bezog. In Tempelhof druckte er als größter Lohndrucker der Bundesrepublik unter anderem auch für das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr die Frauenzeitschrift "Brigitte", deren Druck am 1. Juli in die verlagseigene Druckerei in Itzehoe verlagert wurde. Der Ausfall dieses Auftrages gefährdete Arbeitsplätze in Tempelhof, so daß Weitpert die Auftragsüberhänge von Kindler und Schiermeyer als ersten Grund für seinen Kaufentschluß angibt.

Zu den vielen Vermutungen über die Motive Springers, sich von Zeitschriften mit immerhin 3,7 Millionen Gesamtauflage zu trennen, will sich Weitpert nicht äußern, insbesondere nicht zu den Verhandlungen zwischen Springer und Gruner + Jahr. Er steht aber nicht an, seine Meinung zur Frage der Pressekonzentration zum besten zu geben. Wenn Gruner + Jahr den Münchner Verlag gekauft hätte, so meint er, wäre auf dem Zeitschriftengebiet eine Konzentration erfolgt, die dem Meinungsmonopol Springers auf dem Gebiet der politischen Tageszeitungen nahe gekommen wäre. Mit den vier Zeitschriften habe er auf diesem Gebiet einen Marktanteil von 6,2 Prozent erreicht, der also hinsichtlich der Konzentration der Presse unbedeutend sei.