Von Georges-Louis Puech

Die Studenten wollen mit ihrer Intelligenz dem Volk und nicht mehr dem Bürgertum und den Kapitalisten dienen", erklärte ein Student in Bordeaux. Ein reicher Weinhändler von Bordeaux erzählte mir stolz, daß seine Tochter, Lehrerin in einem Gymnasium, trotz des Drängens ihrer Kollegen nicht gestreikt habe. "Die Tochter eines Grand Bourgeois streikt nicht", sei ihre Antwort gewesen.

Auf die Frage, ob nicht gerade die Bourgeoisie, das französische Patronat, die Maiunruhen mitverschuldet habe, hob der Weinhändler seine Arme gen Himmel und seufzte: "Ja, gewiß. Es war ein Skandal, Arbeiter mit 2,22 Francs die Stunde zu entlohnen." Aber die Weinhändler und kleinen Fabrikanten haben es ebensolange versucht, bis der Kessel überkochte.

Wäre der Streik nicht gewesen, würden heute noch viele Franzosen für diesen Lohn arbeiten. Die französischen Arbeitgeber waren nicht bereit, von sich aus – und nicht erst unter dem Druck der Straße – einige Zugeständnisse zu machen. Jetzt werden sie zur Kasse gebeten. Der Preis, den sie nun zahlen müssen, ist hoch.

Die vier Wochen Streik haben bereits eine Reihe kleiner Betriebe an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Nicht wenige Hotels mußten ihre Tore vorübergehend schließen. Das renommierte Luxushotel Negresco in Nizza, das im Mai normalerweise voll belegt ist, arbeitete mit nur 20 (statt 200 Angestellten) für sechzehn (statt 335) Gäste.

Die kleineren Übel der Mairevolution wären zu verschmerzen, wenn nicht die Inflation vor der Tür stünde. Die unter dem Druck der Straße zugesagten Lohnerhöhungen zwischen 7 und 20 Prozent blähen die Gesamtkaufkraft der Franzosen schlagartig um mindestens 20 Milliarden Francs auf. Ganz besonders stark werden die Einkommen der ungelernten Arbeitskräfte und der alten Leute zunehmen.

Die französische Industrie verfügt zwar über ungenutzte Kapazitäten, so daß der Nachfragestoß zum Teil aufgefangen werden kann und nicht unmittelbar inflationär wirkt; die größere Gefahr für eine Inflation droht deshalb nicht von der Nachfrageseite her, sondern wird durch die Erhöhung der Lohnkosten verursacht. Schon haben französische Experten errechnet, daß die Produktionskosten durch die Erhöhung der Löhne und durch die gestiegenen Rohstoffpreise um etwa 7,5 Prozent nach oben gedrückt werden.