Bonn, im Juli

Die SPD gleicht gegenwärtig einem Patienten, der sich vor den Ärzten kaum noch retten kann. Dank ihrer Hilfe hat die Partei ein richtiges Krisenbewußtsein entwickelt. Auch Conrad Ahlers, kein Mitglied der SPD, aber mit Unterstützung der Sozialdemokraten stellvertretender Regierungssprecher geworden, hat jetzt der Partei die Diagnose gestellt und ein 18-Punkte-Programm entwickelt. Er verschickte es an seine Freunde in der SPD, und einer der Adressaten lancierte es in die Zeitungen.

Das Ergebnis der Freizeitbeschäftigung von Ahlers ist gewiß nicht in allen Punkten originell. Mehr Selbstbewußtsein, mehr Eintracht – das haben andere schon vor ihm gefordert. Einiges will nicht recht zueinanderpassen, so die Forderung, die SPD müsse "deutlich eintreten für Interventionen des Staates in wirtschaftlichen Krisenbereichen bis hin zur Sozialisierungsbereitschaft, wenn die Unternehmerverantwortung versagt", und die Warnung vor dem Wohlfahrtsstaat und vor "unannehmbaren Forderungen einiger einzelner Gewerkschaften". Manches ist richtig, so die Empfehlung, die Unabhängigkeit der SPD deutlicher zu machen – auch im Hinblick auf mögliche Koalitionen 1969. Niemand wird auch bestreiten, daß es sinnvoll ist, Pläne für eine Parlaments- und Verwaltungsreform zu entwickeln.

Einige Thesen zielen auf den Schlitz der Wahlurne, zum Beispiel die Überlegung, "deutsche Forderungen gegenüber der Sowjetunion und Polen zu entwickeln" und die gegenwärtigen Grenzen nicht anzuerkennen, sondern nur zu respektieren; ebenso der Wunsch, sich intensiver um die Bauern zu bemühen, weil die SPD "keine große Anziehungskraft im mittelständischen und überhaupt keine im bäuerlichen Bereich" habe.

Im ganzen wirken die Thesen von Ahlers trotz einiger verbaler Konzessionen nach links eher bürgerlich, zuweilen sogar spießbürgerlich. In einer späteren Erläuterung meinte Ahlers denn auch, "daß man wegen der allgemeinen Richtung der innenpolitischen Entwicklung in Mitteleuropa ... eben gewisse rechte Elemente der Politik nicht ganz aus der Betrachtungsweise lassen kann".

Sozialdemokratische Kritiker bemängeln, daß Ahlers wenig Einfühlung in die innere Struktur der SPD gezeigt hat, und sie sehen in seinen Vorschlägen viel Taktik, aber keine klare Konzeption. Politische Beobachter spötteln frei nach Molière, von einem "eingebildeten Kranken" könne man zwar nicht reden, wohl aber von einem eingebildeten Arzt.