Von Horst Krüger

Bücher, das liegt in der Natur ihres Materials, haben öfter den Wurm in sich. Dieses Buch aber hat viele. Es entstand, wie Anthologien bei uns öfter entstehen: aus Anlaß eines geglückten Einzelfalls, aus Anlaß von sieben Seiten – der Rest kam hinzu. Der Einzelfall hieß Wolfgang Weyrauch. Der Anlaß war 1964 durch den Faksimile-Querschnitt Das Reich gegeben, den der Scherz-Verlag damals verlegte. In der letzten Ausgabe von Goebbels’ Wochenschrift konnte man auch einen pubertär-flammenden Durchhaltebeitrag von Wolfgang Weyrauch lesen. War also auch Weyrauch ein Nazi? Der Betroffene entschloß sich ein Jahr später zu einer Selbstanzeige, zu einer Offenlegung seines Falls. Der Text, wie gesagt sieben Seiten lang, schwungvoll, hochgemut und zerknirscht zugleich geschrieben, erschien in der Märznummer 1966 der Monatsschrift Merkur unter der provokativen Frage: War ich ein Nazi?

Was lag näher, als diese Frage nun reihum gehen zu lassen? Ja was, was eigentlich? So entstanden in den fünfziger Jahren öfter erfolgreiche Anthologien: ein engagierter Herausgeber, eine bedrängende Frage, ein großer Kreis von Betroffenen – dem ersten Blick mußte das als ein glänzender neuer Anthologie-Plan erscheinen.

Dem ersten Blick? Bei einiger kritischer Nüchternheit hätten freilich gleich Bedenken kommen müssen, zum Beispiel dieser Art: Wer wird mitmachen, wer abwinken? Niemand kann zu einer Mitarbeit gezwungen werden. Es mußte eigentlich im voraus klar sein, daß so deutungswürdige Schriftsteller wie Ernst Jünger, Gerhard Nebel, Ernst v. Salomon, Gerd Gaiser die Frage mit einem Achselzucken beiseite schieben würden. Das gleiche gilt für die Publizisten: Nur kindliche Naivität hätte Selbstdarstellungen etwa von Karl Korn, von W. E. Süßkind, Giselher Wirsing erhofft. Die Fälle hätten in der Tat interessant sein können. Statt dessen mußte von vornherein mit den wenigen Offenherzigen, den Gutwilligen, den freiwilligen Bekennern gerechnet werden, die für den gefragten Fall so typisch wieder nicht sind. So entstand von Anbeginn die Gefahr der falschen Besetzung eines wichtigen Stücks.

Andere Bedenken hätten hinzutreten müssen. Das von Weyrauch so schwungvoll praktizierte Verfahren der Selbstanzeige und des Selbstgerichtes mag literarisch imponieren, ist aber als Methodik unübertragbar, ja, als moralisches Prinzip unzumutbar. Jeder Autor ist ja genötigt, hier in eigener Sache als Ankläger und Verteidiger, als Staatsanwalt und Richter zu fungieren, ein bedenkliches Verfahren, das mit gutem Grund in der Justiz verboten ist. Jeder Angeklagte hat bekanntlich das Recht zur Lüge, ein sehr menschliches Recht; wir endeten sonst nämlich bald bei den Moskauer Scheinprozessen. Das bedeutet, daß bei diesem Selbstverfahren echte Fronten der Anklage, der Beweisführung, des Schuldspruchs gar nicht entstehen können. Jeder wird seinen Fall schon so zurechtrücken, daß er einigermaßen glimpflich davonkommt. Gerade Schriftstellern, die vom Beruf her wissen mit dem Wort umzugehen, sollte das nicht schwerfallen. Sprache kann bekanntlich nicht nur zur Aufklärung, sondern auch zur Verdunkelung bemüht werden.

Es stand also von Anbeginn zu erwarten, daß die wenigen, die sich stellen würden, von dieser ihrer beruflichen Fähigkeit, an der schlichten Wahrheit kunstvoll vorbeizureden, Gebrauch machen würden. Einige taten es – reichlich.

Der jetzt vorliegende Band bestätigt solche Vermutungen –