Von Wolfram Siebeck

Das Faszinierende an unserer Zeit ist, daß die Erkenntnisse, die sie uns vermittelt, so einfach, so verständlich formuliert werden. Früher haben die Philosophen, von jeher Hauptlieferanten für profunde Erkenntnisse, ihre Funde in Sätze gekleidet, vor denen ein Kurt Schwitten neidisch erblaßt wäre. Heute jedoch ... "Die Wahrheit eines Dings liegt darin, wie man es fühlt, nicht wie man es denkt." Das ist ein McLuhanismus; zwar nicht von ihm selbst, aber von einem seiner Anhänger. Das mit der Wahrheit eines Dings ist so klar, so einleuchtend, daß man sich fragt, was haben die Leute früher eigentlich geglaubt, was mit der Wahrheit eines Dings ist?

Ich habe es immer schon gewußt, aus eigener Anschauung, wenn ich auch nicht in der Lage war, es so wunderbar auszudrücken.

Da ist zum Beispiel dieses Dings, das ich habe. Es hat drei PS, fünf verschiedene Höheneinstellungen, und die Wahrheit, die reine Wahrheit ist, daß man es fühlt und nicht denkt.

Meine Nachbarn, noch im Vor-McLuhanschen Zeitalter befangen, meinen zwar, man könne es hören. Gewiß kann man das. Der Schalldämpfer ist nicht sehr wirkungsvoll, und überhaupt läuft der Motor nicht gleichmäßig. Deshalb achte ich ja auch darauf, daß es nicht gerade zur Mittagszeit ist, wenn ich den Rasenmäher in Betrieb nehme.

Hören – ja; aber ihn denken, nein, das kann man wirklich nicht. Früher, das muß ich zugeben, habe ich ihn geträumt. Ich träumte von einem tadellos funktionierenden Rasenmäher, der mühelos meinen verwilderten Rasen schnitt. Doch seit er ein paarmal auseinandergefallen ist, denke ich anders. Nicht über ihn, sondern über die Versprechungen des jungen Mannes, der ihn mir verkaufte. Jedenfalls hat das Dings mir die Erkenntnisse des McLuhan ganz eindeutig vermittelt. Seine Wahrheit ist hart und kantig und klemmt und schneidet einem Finger und Zehen weg, wenn man nicht aufpaßt. Mit einem Wort, man fühlt es sehr.

Zum letztenmal fühlte ich die Wahrheit, als ich um einen Baum herum mähte und das Dings im Affentempo (3 PS ! Ein Benz-Viktoria von 1900 hatte nur 4,5 PS, und damit konnte man einen Ochsen totfahren!) meinen Daumen gegen den Stamm klemmte. Die Wahrheit ist weiter, daß ich dem Dings einen fürchterlichen Fußtritt gab. Danach habe ich jemanden engagiert, der mir den Rasen mäht. Er hat früher bei einem Gärtner gearbeitet, ist also ein routinierter Grasschneider. Und was das Wichtigste ist: er nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau.