Ein krasser Fall von Manipulation begegnete uns auf der documenta in Kassel. Zwei altbekannte Tendenzen trafen einander aufs glücklichste.

1. "Kultur" gilt bei den Fernseh-Oberen als langweilig: Das wollen die Leute nicht sehen, sagen sie, das gehört ins Dritte Programm oder in die späten Abendstunden.

2. Es kann einer heute als Student, als Regisseur, als bildender Künstler machen, was er will: "existent" wird all sein Tun, ob gut oder schlecht, erst in dem Augenblick, wo es in hoher Auflage gedruckt, besser noch: ferngesehen wird.

Zur Eröffnung der documenta sollte, wie das so üblich ist, eine Pressekonferenz stattfinden. Die in- und ausländischen Journalisten versammelten sich im blauen Saal des Rathauses. Die Mitglieder des documenta-Rates nahmen am Kopf des Tisches Platz. Die Fernsehkameras bezogen Position. Die erste Frage wurde gestellt.

Es war die nicht mehr ganz originelle, aber in diesem Zusammenhang doch relevante Frage nach der amerikanischen Übermacht in Kassel. Freiherr von Buttlar, der Leiter des Informationsausschusses, hub an zu einer ausführlichen Verteidigungsrede, wurde aber, als er gerade Luft für weitere Argumente schöpfen wollte, von einem Menschen unterbrochen, der das dringende Bedürfnis hatte, in Erfahrung zu bringen, warum der documenta-Rat nicht an der Anti-documenta-Veranstaltung von Wolf Vostell teilgenommen habe.

Herr von Buttlar versicherte zu wiederholten Malen, daß man, da über Termin und Ort der Veranstaltung nichts bekannt gewesen sei, leider auch nicht hatte teilnehmen und Herrn Vostells Einwendungen lauschen können, all das könne jedoch bei dem vom documenta-Rat für den nächsten Tag angesetzten Hearing zur Sprache kommen.

Aber der Frager ließ sich so nicht befriedigen. "Laßt Vostell doch herein", schlug er scheinbar harmlos vor. Und wie der Zufall so spielt: Vostell stand, einlaßbereit, vor der Tür, im Gewande des Vicar of Wakefield sehr telegen, und bei ihm stand ein Werner Schreib, der auch was gegen den documenta-Rat hat, seitdem dieser sich auch durch Schreibs nach Dali-Art Katzen herumtragendes Künstlertum nicht ausreichend beeindruckt gezeigt hatte.