Der wohldosierte Reformkurs drohte der Prager Parteiführung vorige Woche aus dem Ruder zu laufen. Siebzig namhafte Wissenschaftler, Künstler und Sportler drangen in einem Manifest der "2000 Worte" auf eine beschleunigte Demokratisierung des Landes.

Der Appell, den der Schriftsteller Vaculik verfaßt hatte und der in mehreren Tageszeitungen erschien, forderte die Bevölkerung auf, die stalinistischen Parteifunktionäre durch Streiks, Boykottaktionen und Demonstrationen zum Rücktritt zu zwingen, "Die Leute sind unruhig, daß die Demokratisierung stehenbleibt", hieß es weiter "Eine große Unzufriedenheit ist in der letzten Zeit durch die Möglichkeit entstanden, daß sich in unsere Entwicklung ausländische Kräfte einmischen könnten. Unserer Regierung können wir versichern, daß wir hinter ihr stehen, wenn nötig auch mit Waffen, solange sie das tut, wofür sie unser Mandat erhält " Der Appell kam im unrechten Moment: Moskau betrachtet die Prager Reformen mit unverhohlenem Mißtrauen. Noch stehen sowjetische Truppen in der CSSR, die an einer Stabsrahmenübung des Warschauer Paktes teilnahmen.

Parteipräsidium, Regierung und Nationalversammlung reagierten nervös und lehnten das Manifest einmütig ab. Der slowakische KP Abgeordnete und Novotny Anhänger Kodaj beschuldigte Vaculik sogar der "Konterrevolution" und rief nach dem Generalstaatsanwalt. Dagegen war das Echo bei den Arbeitern, wie viele Versammlungen zeigten, positiv. Auch die Zeitungsredaktionen wurden mit zustimmenden Leserbriefen überschwemmt.

Parteichef Dubcek versuchte, die Gemüter am. Wochenende wieder zu beruhigen. Ungeduld könne nur zur Anarchie. führen, so erklärte er. Die Demokratisierung werde fortgesetzt. Dies scheint auch der Stimmung in den unteren Rängen der KPC zu entsprechen: In Vorbereitung des außerordentlichen Parteitags, der im September stattfinden soll, begannen am Wochenende die rund 100 Konferenzen der Kreis- und Ortsorganisationen. Motto: "Reinigt die Partei von den konservativen Funktionären, die für die vergangenen Fehler verantwortlich sind " gen wurden inzwischen erfüllt: Die Nationalversammlung verabschiedete vorige Woche eine Novelle zum Pressegesetz, die endgültig die Zensur abschafft, und ein Gesetz über die Rehabilitierung von Personen, die in den stalinistischen Prozessen bis 1965 zu Unrecht verurteilt worden waren.

ihre womöglich härteste Prüfung zu bestehen haben: In einer zweiteiligen Fernsehrede gab der Stellvertretende Ministerpräsident Ota Sik einen pessimistischen Überblick über die Wirtschaftslage der CSSR. Kernsatz: Wenn den gewaltigen Lohn- und Investitionsforderungen, die sich, aus der Mißwirtschaft der letzten zwanzig Jahre ergeben hätten, nicht ein entsprechendes Angebot an Konsumgütern und Dienstleistungen entgegengestellt werden könne, drohe eine gefährliche Inflation.

Zwei der wichtigsten ReformforderunBis dahin werden die Prager Reformer