FÜR Tugendbolde und solche, die es werden, wollen; für alle, denen unwohl wird, wenn sie Literatur mit der Elle eines tabuisierten Sittlichkeitsbegriffs messen sollen –

Vilfredo Pareto: "Der Tugend-Mythos und die unmoralische Literatur", herausgegeben und eingeleitet von Gottfried Eisermann; Luchterhand Verlag, Neuwied; 189 S., 9,80 DM.

ES ENTHÄLT zum erstenmal in deutscher Übersetzung die 1910 innerhalb von vierzehn Tagen geschriebene "Analyse der Sexualreligion", in der der italienische Nationalökonom und Soziologe Pareto seinem Zorn auf die Tugendwächter Luft machte. Die hatten 1910 auf einem Kongreß in Paris befunden, daß die Übersetzung unmoralischer Literatur in lebende Sprachen tunlichst vermieden werden solle und es gut sei, durch Zensur zu verhindern, daß solche Literatur "Anstoß bei kleinen Kindern erregt". Der Herausgeber spinnt in seiner Einleitung Paretos Faden bis in unsere Tage fort, registriert dabei allerdings eher genüßlich das Faktum der "Unmoral" in unserer Gesellschaft als deren Reaktion auf "unmoralische" Literatur.

ES GEFÄLLT trotzdem, denn Pareto beweist trotz seines Zorns auf die Heuchler in kühl-logischer Bedachtsamkeit, daß zu allen Zeiten und quer durch die Weltliteratur aufgeschreckte Kleinbürger so taten, als verfolgten sie die Obszönität, in Wirklichkeit aber nur anderen ihren eigenen Begriff von Moral oder Unmoral aufzwingen wollten. Dem Soziologen geht es dabei nicht um die Ehrenrettung der Literatur, die manche als unmoralisch empfinden, sondern um die Frage, ob das Treiben der Tugendwächter eigentlich der Gesellschaft nützt, ihre Sitten verbessert, gar dem Fortschritt dient. Er kommt zu dem Schluß, daß nichts in der Geschichte darauf hindeutet, es stehe besonders gut um ein Volk, das seine Moral durch die Verfolgung zweideutiger Verlagsprodukte aufbessert. Ganz abgesehen davon, daß solche Jagd bedenkliche Rückschlüsse auf die Gemütsverfassung der Jäger zuläßt: "Unter dem Vorwand, die Jugend belehren zu wollen, schreiben sie Bücher, die – hätten sie nicht das Etikett der Tugendwächter – nur als obszön bezeichnet werden könnten ... Es ist süß, sich für andere aufzuopfern, wenn das Opfer keine Unannehmlichkeiten in sich birgt."

Hilke Schlaeger