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Im Vergleich zu, aggressiv vorgetragenen Forderungen der Studenten nehmen sich Unternehmen reformfreudiger Schüler bescheiden aus. Von geringer Turbulenz auf schwächere Intensität zu schließen, hieße jedoch, die Bestrebungen der Schüler unterschätzen. Ihr verhaltener, hartnäckiger Protest richtet sich gegen eine Institution, die zu demokratisieren ihnen jetzt das Gebot der Stunde zu sein scheint. In ihren Proklamationen drückt sich zweifellos Unbehagen an einem System aus, dem Gymnasiasten ohne Möglichkeiten der Einflußnahme unterworfen sind. Oft folgt ihr Aufbegehren noch dem alten Freund-Feind-Klischee, das Lehrer zu Paukern umstilisiert.

Der unbeherrschte, nicht immer "rationalisierte" Protest verlangt konkrete Kontrahenten. Doch das beharrliche, unaufhaltsame Verlangen nach einer Demokratisierung der Schule, von Lernenden gefordert (wo doch einst Bestrebungen nach einer Humanisierung der Erziehung von Lehrern und Professoren ausgingen), richtet sich im Kern nicht gegen die Lehrerschaft, mögen Erzkonservative sich auch provoziert fühlen. Zu groß ist die Übereinstimmung der kritischen Gedanken und attackierenden Vorschläge, als daß nur ein Auftrumpfen gegen unliebsame Studienräte diagnostiziert werden kann. Das Schulsystem wird in Frage gestellt.

Dennoch reagieren Pädagogen, als würden sie persönlich denunziert oder verunglimpft. Dieselben Lehrer, die hinter verschlossenen Türen gegen miserable Schulverhältnisse und geringe Effektivität gegenwärtiger Erziehung, gegen pedantische Direktoren und bürokratische Schulräte zu Felde ziehen, fühlen sich vor Schülern zur Verteidigung des Systems berufen. Die Klasse wird zur Bühne, auf der Unterrichtende ergeben beteuern: unser Bildungswesen sei positiv.

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Für Außenstehende offenbart sich eine rätselhafte Wandlung. Verständlich erscheint sie nur, wenn die seit Jahrhunderten bestehende, durch Eid erhärtete Doppelverpflichtung des Lehrers berücksichtigt wird: Staatsdiener und Ordnungshüter zu sein, Bewunderer und Verkünder der Freiheit und zugleich eben auch Subalterner der Erziehungsbehörden.

Stärker als in anderen Berufen ist er von seinen Vorgesetzten abhängig – ein Theoretiker der Freiheit, jedoch unfrei im Umgang mit vorgesetzten Dienststellen. Für ihn ist in den meisten Fällen ein Berufs- und Firmenwechsel ausgeschlossen; sich zu arrangieren, lautet seit je die logische Folgerung und ist praktische Nutzanwendung in den Lehrerzimmern. Immer stand für den Lehrer zuviel auf dem Spiel, als daß er aufzubegehren wagte: Verdienst, Beförderung, Wohlergehen der Familie, eigene wissenschaftliche oder künstlerische Unternehmen; fast wurden ihm Anpassung und kritiklose Einordnung zu Voraussetzungen seines Berufes.