Das Land, wo Milch und Honig fließen – es scheint, als sei in der EWG dieser alte Traum verwirklicht, als seien in Mitteleuropa die Grenzen zur Überflußgesellschaft bereits überschritten. In den Kühlhäusern der EWG türmen sich Berge unverkäuflicher Butter und Käse, für den es keine Abnehmer gibt.

In Italien, Frankreich und Belgien werden Äpfel, Blumenkohl, Tomaten und Birnen tonnenweise "aus dem Markt genommen", wie es in der Fachsprache der Bürokraten beschönigend heißt. Von der Apfelernte des letzten Jahres wurden 107 000 Tonnen aufgekauft, außerdem landeten 14 000 Tonnen Blumenkohl und 82 000 Tonnen Tomaten auf dem staatlich subventionierten Abfallhaufen.

Für den Verbraucher ist diese Überflußgesellschaft, die es sich leisten kann, Nahrungsmittel zu vernichten, noch lange nicht das erträumte Schlaraffenland. Denn die groben Methoden der Marktregulierung dienen ja lediglich dazu, die Preise hochzuhalten. Sie werden überdies noch aus seinen Steuergeldern finanziert. Die Agrarminister der EWG haben für die Beseitigung von Lebensmitteln bis zu 240 Millionen Mark pro Jahr bewilligt.

In einer Welt, in der täglich noch Tausende von Menschen verhungern, ist es beschämend, daß den europäischen Agrarpolitikern kein anderer Weg zur Lösung der landwirtschaftlichen Probleme einfällt, als die Vernichtung von Obst und Gemüse.

Aber nicht nur aus moralischen, auch aus praktischen Erwägungen sind die Methoden, mit denen hier das Angebot zugunsten der Erzeuger gesteuert wird, mehr als zweifelhaft. Denn die Versuchung zu einer – vorsichtig ausgedrückt – großzügigen Auslegung der Bestimmungen ist bei einer derartigen Agrarpolitik erfahrungsgemäß groß.

Großzügigkeit war denn auch das Motto, unter dem in diesem Jahr in Norditalien die Marktregulierung bei Äpfeln stand. Als Ende März infolge eines reichhaltigen Angebots die Preise fielen, wurde der Markt flugs als "in Krise und Katastrophe befindlich" deklariert. Die zuständige italienische Behörde (AIMA) gab Händlern und Produzenten zu verstehen, daß Kleinlichkeit in dieser Situation nicht angebracht sei.

Entgegen den EWG-Bestimmungen wurden daher auch unverkäufliche Äpfel angenommen, die noch vom Vorjahr her auf Lager waren. Statt vorschriftsmäßig in sorgfältiger Sortierung, wurden die Äpfel geschüttet verladen. Obwohl nur Handelsklasse A und B für die Marktregulierung zugelassen sind, wurden bei den meisten staatlichen Annahmestellen auch minderwertige Äpfel angenommen. Clevere Geschäftsleute kauften daraufhin in Südtirol Ware von minderer Beschaffenheit zu niedrigsten Preisen auf und boten sie in der Gegend von Ferrara mit ansehnlichem Profit zur Vernichtung an. Die Folge war, daß Südtiroler Fruchtsaftfabriken in diesem Jahr in Bedrängnis gerieten, weil selbst das von ihnen benötigte Industrieobst nicht mehr in ausreichender Menge zur Verfügung stand.