Verfassungsänderungen sind in Bayern nicht dem gewählten Landtag, sondern den Bürgern selbst überlassen. Zum erstenmal seit 1946 machten die Bayern am letzten Sonntag von diesem Recht Gebrauch. Sie setzten den Artikel 135 außer Kraft, der die Bekenntnisschule zur Regel und die Gemeinschaftsschule zur nur auf ausdrücklichen Wunsch möglichen Ausnahme gemacht und damit die bayrische Volksschule in drei unglückliche Teile gespalten hatte.

Daß es in Bayern katholische Bekenntnisschulen, evangelische Bekenntnisschulen und christliche Gemeinschaftsschulen gab, hatten alle Beteiligten, vor allem aber die Schüler auszubaden: Schulraum- und Lehrermangel, häufig unzumutbar lange Schulwege, Zwergschulen und pädagogischer Mißwuchs waren die Folge und schließlich Anlaß zu zorniger Unzufriedenheit.

Der Volksentscheid, bei dem die beiden Volksbegehren der SPD/FDP und der CSU und ein Gemeinschaftsentwurf aller im Landtag vertretenen Parteien – ausgenommen die NPD – zur Auswahl standen, schaffte dieses nur noch der Tradition verhaftete Ärgernis ab. Rund 75 Prozent der Wähler entschieden sich für den Landtagsentwurf, nach dem der neue Artikel der Verfassung heißen soll: "Die öffentlichen Volksschulen sind gemeinsame Schulen für alle volksschulpflichtigen Kinder. In ihnen werden die Schüler nach den Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse unterrichtet und erzogen. Das Nähere bestimmt das Volksschulgesetz."

Wie dieses Volksschulgesetz auszusehen habe, haben die Parteien bereits festgelegt: Die Gemeinschaftsschule wird zum Normalfall, bei mindestens dreizügigen Schulen können auf Antrag auch Bekenntnisklassen eingerichtet werden. Der Streit um die bayrische Volksschule, seit Jahren im Landtag Anlaß zu lautstarkem Parteiengezänk, ist damit vorläufig aus der Welt. Daß nur 40 Prozent aller Wahlberechtigten am Sonntag noch zur Urne kamen, hängt wohl nur zu einem kleinen Teil mit dem schönen Wetter zusammen. Erstens wählten aus ganz natürlichen Gründen vor allem die Betroffenen, die Eltern mit schulpflichtigen Kindern. Und zweitens war der Volksentscheid sowieso nur noch die Unterschrift der Bevölkerung unter einen vorher bereits ausgehandelten Kompromiß. Von einer Kampfabstimmung konnte längst nicht mehr die Rede sein.

Die Frage ist nur: Was kommt nun? Gesunder Menschenverstand würde sagen, eine vom Bürger unterschriebene und in Kraft gesetzte Verfassungsänderung müsse jetzt auch schleunigst praktiziert werden. Aber Kultusminister Huber hat bereits mitgeteilt, daß das so schnell auch wieder nicht gehe und das Neue frühestens im nächsten Jahr wirksam werden könne. Dabei wäre es dem Landtag ein leichtes, eben vor den Ferien die Verfassungsänderung noch zu verabschieden. Und damit zu Beginn des nächsten Schuljahres, also im September, wenigstens einen Teil der organisatorischen und damit auch pädagogischen Änderungen bereits wirken zu lassen.

Huber will – jedenfalls nannte er das als Grund für die Verzögerung – im nächsten Jahr die Volksschulreform aus einem Guß präsentieren. Hat er Angst vor dem Provisorium? Oder ist es ein Glaubenssatz, daß vor die Schulreform die Juristen die Theorie gesetzt haben?

Hilke Schlaeger