Von Marion Gräfin Dönhoff

Vor einem Jahr, in den frühen Morgenstunden des 6. Juli 1967, fiel der erste Schuß an der Grenze zwischen Biafra und Nigeria. Niemand weiß, ob er auf östlicher oder westlicher Seite abgefeuert wurde, fest steht nur, daß dies der Startschuß für den Beginn einer der großen Tragödien unserer Zeit war. Leichtfertig hatte es begonnen, wurde bald zum fahrlässigen Krieg und endet jetzt im Völkermord. Ist es wirklich Völkermord? "Man muß die Dinge beim Namen nennen – es handelt sich um Genozid, ein Begriff, der oft mißbraucht wurde, der aber hier am Platze ist", schrieb Le Monde.

Wenn man die Ereignisse einmal ganz ohne ideologischen Überbau darstellt, dann zeigt sich, daß das, was in Nigeria vor sich geht, geradezu das Schulbeispiel einer politischen und militärischen Eskalation ist, die im Grunde niemand beabsichtigt hatte – ein Lehrstück also dessen, was immer wieder geschehen kann, wenn wir nicht wachsam sind.

Von den 56 Millionen Afrikanern, die in Nigeria leben, sind die etwa acht Millionen Ibos, die im Osten ihre Heimat haben, die tüchtigsten und intelligentesten – jedenfalls nach europäischen Maßstäben. Dies ist der Grund, warum sie während der englischen Herrschaft besonders florierten; überall im Lande traf man Ibos als Verwaltungsbeamte, Techniker und Kaufleute. Kein Wunder, daß eben diese Tatsache sie bei manchem anderen Stamm verhaßt gemacht hat.

Im Januar 1966 hatte General Ironsi, selbst ein Ibo, in Lagos geputscht und sich zum Regierungschef gemacht. Die entscheidenden Männer in der Zentralregierung und im mohammedanischen Norden waren bei diesem Putsch ermordet worden. Ein halbes Jahr später nahm der Norden Rache: Haussa-Offiziere ermordeten Ironsi, und Haussa-Stammesangehörige metzelten 30 000 Ibos nieder. Aus dem ganzen Land flüchteten die Ibos, zwei Millionen an der Zahl, zurück in ihre Stammesheimat im Osten jenseits des Niger.

Krieg ohne Pardon