Von Werner Kließ

Die deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin existiert im Augenblick nur noch auf dem Papier. Aus der Ausbildungsstätte für Regisseure und Kameraleute, die vor drei Jahren während der Berliner Filmfestspiele gegründet wurde, ist ein Tollhaus geworden. Einigen Studenten droht der Ausschluß, die Mehrheit dürfte auf jeden Ausschluß mit Streik reagieren; vor zwei Wochen sind drei führende Dozenten, die Regisseure Johannes Schaaf und Christian Rischert und der Dozent für Montage, Joachim von Mengershausen, zurückgetreten; Otto Gmelin, ein ehemaliger Dozent, dessen Berufung nicht erneuert wurde, der sich aber auf Grund eines Mandats der Studenten als Teil der Akademie begreift, fordert den Rücktritt der Direktoren Erwin Leiser und Heinz Rathsack wegen Unfähigkeit.

Traten Direktoren und Studenten öffentlich auf, etwa während der Diskussionen bei den Berliner Filmfestspielen, ernteten die Direktoren Hohngelächter von den Studenten; und die Studenten wurden von Zuhörern als Radaubrüder beschimpft. Die aktivsten Dozenten sind wohl eher auf der Seite der Studenten; wenn sie deren Forderungen aber nicht radikal genug vertreten, müssen sie, wie vor zwei Wochen in der Technischen Universität, riskieren, mit Eiern beworfen zu werden. Die Spannung zwischen den Parteien ist so groß, daß jedes Gespräch im Augenblick unmöglich erscheint. Die Direktoren erklärten Ende Juni, daß "unter den bisherigen Bedingungen eine Weiterarbeit unmöglich" ist.

Wie konnte es gerade hier zur Krise kommen, bei einem jungen Institut, das manche Einrichtungen, um die Universitäten noch jahrelang werden kämpfen müssen, längst hat, zum Beispiel: die studentische Mitbestimmung bei allen Prüfungsfragen; einen Akademischen Rat, in dem Dozenten, Direktoren und Studenten gleichen Stimmanteil haben; ein Studienhonorar zusätzlich zu den Stipendien.

Die Struktur der Film- und Fernsehakademie könnte vorbildlich sein, würde sie nicht zwischen den divergierenden Interessen der Studenten und der Direktoren förmlich zerrieben. Die Direktoren, mögen sie auch Neuerungen einsehen und gutheißen, können sich nicht von autoritärem und administrativem Denken freimachen, die Studenten sind verliebt in ihre utopischen Vorstellungen eines auf dem Räteprinzip basierenden Instituts. Zur Verschärfung der Situation kommt, daß die liberale Haltung der Direktoren Kompromißbereitschaft einschließt, während die Forderung der Studenten nach radikaler Demokratisierung den Kompromiß ausschließt. In der Öffentlichkeit sind die Studenten nicht zuletzt deshalb in einer schlechteren Position. Es fällt leicht, ihre Konsequenz als Meinungsterror zu verstehen.

Falls es zu einer einschneidenden Lösung kommt, ist es wahrscheinlich, daß die Geldgeber sich von den Studenten trennen und nicht von den Direktoren. Aber werden die beiden Gesellschafter der "Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin GmbH", der Bund und das Land Berlin, es wagen, das "Volk" den Regierenden zuliebe abzuschaffen? Interne Lösungen scheinen unmöglich, dazu schwelt die Krise schon zu lange; nicht einmal der erste Eklat vom Herbst 1966 ist bereinigt worden.

Damals wurden nach dem ersten Probejahr sieben Studenten nicht zum Weiterstudium zugelassen. Da unter den Ausgeschiedenen einige politisch stark links engagierte Studenten waren, interpretierten die Studenten das als politische Entscheidung. Die Direktion lenkte mit dem Hinweis ein, die Studienmöglichkeiten wären während des ersten Jahres noch nicht voll entwickelt gewesen, möglicherweise hätten sich die Talente nicht sachgerecht entfalten können. Sie bot den Ausgeschiedenen eine neue Chance, und zwar einen Produktionsvertrag für einen kurzen Film. Damit wollten sich die Studenten nicht zufriedengeben. Sie verlangten: Annullierung der Prüfung, Weiterzahlung der Stipendien und alle studentischen Rechte. Fünf Studenten nahmen das Angebot schließlich doch an. Ausgerechnet bei der Herstellung eines dieser Filme passierte der nächste Eklat: Einer drehte einen Film über eine Arbeiterin. Die Direktion verschaffte ihm eine Drehgenehmigung für ein Industriewerk, der Student verteilte Flugblätter für eine Vietnam-Demonstration. Die Akademie-Direktion stellte sich auf den Standpunkt der Fabrikleitung: Es hätte nur gedreht werden dürfen, Agitation, auch für Zwecke des Films, sei nicht verabredet gewesen. Der Student hat inzwischen die Akademie verlassen.