Der Krieg zwischen der nigerianischen Zentralregierung und der abgefallenen Ostregion erregt wegen seiner Grausamkeit und des Elends der Zivilbevölkerung in Biafra immer größere internationale Aufmerksamkeit. Folgende Tatsachen haben alarmiert:

  • Täglich sterben in Biafra 500 bis 1000 Menschen an Hunger, Mangelerscheinungen und Seuchen – die britische Hilfsorganisation "Oxfam" gab die tägliche Todeszahl sogar mit 3000 Frauen und Kindern an;
  • weitere zwei Millionen Menschen (Caritas: vier Millionen) sind unmittelbar vom Hungertod bedroht, 800 000 bedürfen dringend ärztlicher Hilfe; 750 000 von fünf Millionen Flüchtlingen leben in Lagern.

Um wenigstens die ärgste Not zu lindern, brauchten die Biafraner täglich etwa 200 Tonnen Lebensmittel und Medikamente. Doch können die Hilfsorganisationen Caritas, Misereor, Oxfam und Rotes Kreuz durchschnittlich nur 40 Tonnen in abenteuerlichen Nachtflügen heranschaffen. Eine Luftbrücke – Startpunkt: die spanische-Insel Fernando Poo – kam bislang nicht zustande, weil die Flugplätze in Biafra so schlecht sind, daß schwere "Herkules""-Transporter kaum landen können – und weil die Zentralregierung in Lagos aus politischen Gründen Einspruch erhebt.

General Gowon in Lagos, der nach wie vor Hoheitsrecht über Biafra beansprucht, möchte alle Frachten auf Waffen untersuchen. Er drohte an, nichtangemeldete Flugzeuge beim Überflug abschießen zu lassen. Hingegen stieß sein Angebot eines Landkorridors durch die feindlichen Linien in Biafra auf Ablehnung. Oberstleutnant Ojukwu erklärte sich eher bereit, den "Massenselbstmord" seiner Landsleute zu riskieren, als Lebensmittel auf dem Wege über Nigeria anzunehmen, von denen die Biafraner obendrein befürchten, daß sie vergiftet sein könnten.

Die britische Regierung entsandte am Wochenende Lord Hunt, den Leiter der historischen Mount-Everest-Expedition, nach Lagos. Er soll dort nach einem Ausweg suchen und in Biafra die 2,5 Millionen Mark unterbringen, die London für die notleidende Bevölkerung bereitgestellt hat. Ojukwu verweigerte die Annahme dieser Summe, weil Großbritannien Waffen an Lagos liefert.

Wenige Wochen nach der Sezession Biafras (30. Mai 1967) und kurz vor Beginn der darauffolgenden "Polizeiaktion" Gowons (7. Juli 1967) hatte Großbritannien im Juni vorigen Jahres begonnen, die Zentralregierung mit Waffen zu unterstützen. Als ehemalige Kolonialmacht (bis 1960) wollte es die Einheit Nigerias retten, seine wirtschaftlichen Interessen in den reichen Gebieten der Ostregion wahren und nicht den Sowjets das Feld überlassen. Denn während London Handfeuerwaffen, Maschinengewehre, Mörser und Panzerwagen lieferte, trafen in Lagos gleichzeitig Mig-Düsenjäger und Panzer aus Moskau und Prag ein. Ägyptische und algerische Piloten flogen diese Maschinen.

Das Kriegsglück Ojukwus, der noch im August die Mittelwestregion erobert hatte, begann sich zu wenden. Nur von Spanien, Portugal und von einigen französischen und südafrikanischen Geschäftspartnern unterstütz: wurde Biafra aus drei Himmelsrichtungen. angegriffen und auf See durch eine Handelssperre blockiert. Im Oktober fiel die Hauptstadt Enugu, sieben Monate später die letzte bedeutende Stadt, Port Harcourt. Heute ist Biafra (etwas größer als Bayern, 14 Millionen Einwohner – davon acht Millionen Ibos und sechs Millionen Minderheitenvölker) zu drei Vierteln von Bundestruppen besetzt.