Passau

Der neue Bademeister ist an allem schuld. Beim Studium der Satzung für sein städtisches Arbeitsgebiet, das Freibad Bschütt, war er auf einen Paragraphen gestoßen, der ihn in schwerste Gewissensnot brachte. Sollte er wirklich die (bessere) Hälfte der Badenixen des Wassers und der Wiese verweisen müssen? Oder sollte er schweigen und beide Augen zudrücken?

Der wackere Meister entschied sich für den dritten, den Dienstweg. Er teilte seinem Vorgesetzten mit, daß er angesichts der Vielzahl von Übertretungen für die Aufrechterhaltung eines Punktes der Badeordnung nicht mehr einstehen könne, nämlich das strikte Verbot des Tragens "von sogenannten Bikini-Badeanzügen". Ohne Aufsehen zu erregen und die Bikini-Schönen zur Rechenschaft zu ziehen, nahm nun alles seinen vorgeschriebenen Lauf. Der zuständige Stadtratsausschuß für Grundstücksfragen wollte die Angelegenheit nicht über Gebühr auf die leichte Schulter nehmen und debattierte immerhin eine halbe Stunde lang, ehe er den diskriminierenden Bikini-Paragraphen strich und gleichzeitig noch eine Undeutlichkeit bereinigte, die womöglich eine muntere Passauerin auf die Idee gebracht hätte, daß zum Sprung ins Wasser weiter nichts vorgeschrieben sei als die Bademütze. Nun herrscht Klarheit. Es darf im Bikini, aber weder oben noch unten "ohne" gebadet werden.

Damit ist bereinigt, was vor urdenklichen Zeiten an Veränderungen der Badesitten eben nicht vorauszusehen war, damals, zur Blütezeit der Passauer Bayernpartei – in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Von dorther stammte der Bikini-Erlaß. Heute, bei 51,7 Prozent CSU-Wählern, könnte er nachträglich ein falsches Licht auf die bayerische Bischofsstadt werfen. Sie ist nicht prüde. Sie hat ihr Riviera-Tanzcafé und ihre Kuppeleiprozesse, läßt "Sex-Biene" Bardot und die aufklärende "Helga" über die Filmleinwand laufen, und just in diesen heißen Badeordnungstagen rückte die "Passauer Neue Presse", in der Herausgeber Hans Kapfinger für "Unterhaltung" verantwortlich zeichnet, dreimal hintereinander Photos von Badedamen im Zweiteiligen in ihre Spalten ein. Nicht einmal die zentnerschwere Wildsau, die vorige Woche in der Umgebung erlegt wurde, läßt Rückschlüsse zu; denn sie war, wie Experten feststellten, ein Irrläufer aus dem österreichischen Mühlviertel. Kein Zweifel, Passau ist fortschrittlicher als Malta. Auf dem Inselstaat im südlichen Mittelmeer ist der Bikini noch immer verboten.

K. G.