Bitterer Streit um süße Sachen

Von Erwin Lausch

Vor wenigen Wochen noch hätten auch gebildete Bundesbürger gerätselt bei der Frage, was eigentlich Cyclamat sei: ein neuer Geschirrspülautomat, ein Blumendünger? Jetzt wissen Zeitungsleser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer: Cyclamat ist der meistgebrauchte künstliche Süßstoff, der in der Bundesrepublik unter Markennamen wie "Assugrin", "ilgonetten", "natreen diätsüße" und "süssette" gehandelt wird.

Weniger gewiß hingegen erscheint, ob man gut daran tut, solche Präparate zu benutzen, welche die Hersteller unter beträchtlichem Werbeaufwand als Patentmittel zum Schlankbleiben und Schlankwerden anpreisen; ob es tatsächlich – wie etwa ein Werbetext für "Assugrin" behauptet – "gut für die schlanke Linie, gut für die Gesundheit" ist, Zucker durch den kaloriensparenden Süßstoff zu ersetzen.

Artikel und Meldungen, die sich in den letzten Wochen immer wieder mit Cyclamat befaßten, ergeben ein widersprüchliches Bild. Berichten über wissenschaftliche Untersuchungen, denen zufolge Cyclamat bei Versuchstieren Gesundheitsschäden ausgelöst habe, folgten prompt Versicherungen der Hersteller, daß Cyclamat völlig unschädlich sei. Dann traten Fachleute als Gutachter an die Öffentlichkeit, die teils für, teils gegen Cyclamat argumentierten.

19 Bundestagsabgeordnete empörten sich in einer Kleinen Anfrage über "eine in Gang gesetzte Pressekampagne gegen die Cyclamat-Süßstoffe". Der Abgeordnete Josef Müller hingegen forderte die europäische Kommission auf, die Bevölkerung in der Sechsergemeinschaft vor der Verwendung von Cyclamat zu warnen, falls sich die erhobenen Bedenken als stichhaltig erweisen. CSU-Generalsekretär Max Streibl schrieb einen besorgten Brief an die Gesundheitsministerin mit der Forderung – so der "Bayern-Kurier" –, "daß katastrophale Entwicklungen wie im Fall Contergan verhindert werden müßten".

Schließlich veranstaltete in der vergangenen Woche in München das Deutsche Grüne Kreuz eine Pressekonferenz über Cyclamat, die freilich keineswegs die Situation klärte. Schon die Eröffnungsworte des Konferenzleiters Kaufmann zeigten, welche Position die – nach eigener Darstellung "unabhängige, neutrale und gemeinnützige Organisation", die "der Vorsorge auf allen Lebensgebieten dient" – bezogen hatte. Kaufmann erklärte die Cyclamat-Diskussion kurzerhand zu einem "von einer Public-Relations-Agentur verursachten Wirbel", zu einem Trick der Zuckerwerbung, und beklagte ein "frivoles Spiel mit der Gesundheit".

Ausgangspunkt der Auseinandersetzungen über das Cyclamat war indes eine Veröffentlichung in einer angesehenen medizinischen Fachzeitschrift. überdies: Für die Gesundheit hat Cyclamat gar keine besondere Bedeutung. Die Behauptung, man könne mit Hilfe des Süßstoffes – wie es etwa in Anzeigen für "natreen diätsüße" heißt – "ohne lästige Abmagerungskur mühelos schlank bleiben", ist falsch. Und für Diabetiker gibt es andere Zucker-Ersatzstoffe.

Bitterer Streit um süße Sachen

Die Geschichte des Cyclamats begann 1937. Damals entdeckte der amerikanische Forscher M. Sveda an der Universität von Illinois, daß Natrium- und Kalziumsalze der Cyclohexylsulfaminsäure süß schmecken. Diese Substanzen, kurz als Cyclamat bezeichnet, wurden 195C von den amerikanischen Abbott Laboratories in den Handel gebracht.

Anfangs diente Cyclamat vor allem Diabetikern als Zucker-Ersatz. Zwar besitzt Cyclamat eine weitaus geringere Süßkraft als das schon seit dem vorigen Jahrhundert bekannte Saccharin. Doch empfahl sich der neue Süßstoff durch zwei Vorzüge: Ihm fehlt der bittere Beigeschmack des Saccharins, und er ist kochbeständig.

Als vor etwa einem Jahrzehnt immer mehr Menschen zu begreifen begannen, daß zwischen Übergewicht und der Anfälligkeit für einen Herzinfarkt und andere Krankheiten enge Beziehungen bestehen, propagierten Cyclamat-Hersteller in den USA den kaloriensparenden Süßstoff als schlankmachendes und gesundheitsförderndes Volksnahrungsmittel. Mit beträchtlichem Erfolg: In etwa einem Drittel aller amerikanischen Haushalte, so schätzen Experten, werden heute künstliche Süßstoffe, in erster Linie Cyclamat, verwendet. Etwa 15 Prozent der alkoholfreien Erfrischungsgetränke in den USA sind mit Süßstoff gesüßt. Zudem gibt es eine Fülle sogenannter Diät-Nahrungsmittel – etwa Obstkonserven und Säfte, Puddingpulver und Backwaren, Schokolade und Eiskrem, Drops und Kaugummi –, die Cyclamat enthalten.

In den letzten Jahren nun machten sich Cyclamat-Produzenten daran, auch auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Der Absatz stieg sprunghaft: 1966 wurden in der Bundesrepublik für 8,7 Millionen Mark Cyclamat abgesetzt, 1967 bereits für 14,5 Millionen Mark. Fast die Hälfte des Jahresumsatzes investierten die Cyclamat-Hersteller in Werbung, die suggeriert, man könne jetzt beides zugleich: schlemmen und schlank bleiben.

Daß Cyclamat allein schlank macht, ist indes eine unbewiesene Behauptung. Die nicht gegessenen Kalorien lassen sich zwar aus der Menge des durch Süßstoff ersetzten Zuckers genau errechnen. Doch von Nutzen ist die Kalorienersparnis nur, wenn die Süßstoffesser nicht in der Überzeugung, schon genug gegen das Übergewicht getan zu haben, andere Diätsünden begehen.

Doch dazu neigen übergewichtige Personen offensichtlich. Die Amerikaner McCann, Trulson und Stülp verfolgten bis zu drei Jahren das Gewicht Fettsüchtiger, die teils Zucker, teils Süßstoff verwendeten. Ein Unterschied zeigte sich nicht.

Bei einem Präparat, das so breit verwendet werden soll, wie es die Cyclamat-Verkäufer durch intensive Propaganda in der Massenpresse anstreben, sind höchste Ansprüche an die Unbedenklichkeit zu stellen. Jeder Hinweis auf eventuelle schädliche Wirkungen erfordert eine genaue Prüfung, erst recht, wenn dieses Präparat durchaus entbehrlich erscheint. So ist erklärlich, daß eine Untersuchung Aufsehen erregte, die vier österreichische Forscher unter Leitung von Professor Horst Hellauer vom Paracelsus-Institut in Bad Hall kürzlich in der "Wiener Klinischen Wochenschrift" veröffentlichten.

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Hellauer und seine Mitarbeiter versetzten das Trinkwasser von Meerschweinchen mit Cyclamat und beobachteten dreieinhalb bis vier Monate später Veränderungen des Lebergewebes, die – wie die Forscher schreiben – "als sichere Zeichen einer Leberschädigung aufgefaßt werden dürfen". In einer anderen Versuchsreihe, diesmal mit Kaninchen, zeigte sich, daß Cyclamat die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herabsetzt. Das war vor allem dann der Fall, wenn die Tiere vor dem Versuch bereits mit Antikoagulantien behandelt worden waren, mit Medikamenten also, die das Blut dünner machen. Aus ihren Versuchen folgerten die österreichischen Mediziner, daß Leberkranke und Patienten mit bestimmten Herz- und Kreislaufleiden "durch unkontrollierte Cyclamat-Verwendung erhöht gefährdet zu sein scheinen".

Schon vorher hatten japanische, amerikanische und französische Forscher Bedenkliches mitgeteilt: Beobachtet worden waren Entwicklungsstörungen von Mäuse- und Rattenembryonen, deren Mütter während der Tragzeit Cyclamat bekommen hatten; Wachstumsverzögerungen bei jungen Ratten, denen – freilich recht große Mengen – Cyclamat ins Futter gemengt worden war; die teilweise Umwandlung des eingenommenen Cyclamats in eine giftige Verbindung namens Cyclohexylamin.

Alle Sorgen über diese Befunde, erklärte auf der Pressekonferenz des Deutschen Grünen Kreuzes Professor Nepomuk Zöllner von der Medizinischen Poliklinik der Universität München, seien unberechtigt. Die Wissenschaftler, die über Gesundheitsschäden bei Versuchstieren durch Cyclamat berichteten, so kritisierte der Mediziner, hätten entweder methodisch unzulänglich gearbeitet, Cyclamatdosen verfüttert, wie sie Menschen bei bestimmungsmäßigem Gebrauch niemals einnehmen, oder aber ihre Ergebnisse seien von anderen Forschern nicht bestätigt worden.

Den österreichischen Forschern warf Zöllner unter anderem vor, sie hätten mit nur wenigen Tieren gearbeitet, und das Lebergewebe der Kontrolltiere, die kein Cyclamat erhalten hatten, nicht untersucht. Die als krankhaft gedeuteten Befunde seien für Stalltiere normal.

Die Zahl der in Bad Hall untersuchten Tiere ist in der Tat gering. Mitgeteilt werden Befunde von 14 Meerschweinchen, von denen jeweils vier Tiere zwei verschieden große Tagesdosen Cyclamat erhielten, während sechs Meerschweinchen zur Kontrolle dienten.

Alle anderen Angriffe weist Hellauer als Sprecher der Bad Haller Forscher zurück. Natürlich seien auch Leberschnitte der Kontrolltiere untersucht worden, versichert er. Diese Präparate hätten sich von denen der Cyclamat-Tiere eindeutig unterschieden. Die veröffentlichten Abbildungen zeigen auch Unterschiede in der Struktur des Lebergewebes, je nachdem, ob die Tiere viel oder wenig Cyclamat erhalten haben. So ist angesichts der abgestuften Erscheinungsformen des Lebergewebes die Ansicht Zöllners, das alles seien "normale Stalltierbefunde", nicht überzeugend. Im übrigen, so teilte Hellauer mit, würden Leberschnitte weiterer Versuchstiere vom Pathologischen Institut der Universität Graz untersucht.

Zöllner berichtete auf der Pressekonferenz über eine von ihm und seinem Mitarbeiter Dr. K. Schnelle im vergangenen Jahr veröffentlichte Untersuchung, auf die vorher schon Cyclamat-Hersteller und Bundestagsabgeordnete hingewiesen hatten. Durch diese Arbeit, erklärte Zöllner, sei die Ungiftigkeit des Cyclamats endgültig bewiesen. Diese kühne Behauptung freilich nimmt wunder, erst recht, wenn man Zöllners Ergebnisse näher betrachtet.

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Der Münchener Mediziner verordnete insgesamt 83 leber- oder nierenkranken Patienten monatelang teils Cyclamat, teils – zur Kontrolle – Fruchtzucker. Insgesamt teilte er seine Versuchspersonen in acht verschiedene Gruppen ein, die sich durch die Art der Krankheit, die Verordnung von Cyclamat oder Fruchtzucker und die Dosis des pro Tag verordneten Cyclamats oder Fruchtzuckers unterschieden.

So umfaßt auch in dieser Untersuchung die einzelne Gruppe nur relativ wenige Mitglieder – jeweils zwischen fünf und 19 Patienten. Die Ergebnisse einiger Versuchspersonen wertete Zöllner gesondert aus, weil sich die Eigengesetzlichkeit der Krankheit zu stark bemerkbar machte. Zwei Patienten aus einer Gruppe mit der höheren Cyclamatdosis – fünf Gramm pro Tag – klagten über Magenbeschwerden und schieden nach

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zwei bis drei Wochen aus. Zöllner und Schnelle kommen zu dem Schluß, daß Cyclamat "keinen schädigenden Einfluß auf Nieren- und Leberfunktion" besitze.

So schlüssig freilich ist das Ergebnis nicht, wenn man berücksichtigt, daß es sich um ambulante Patienten handelt. In der Arbeit wird nicht mitgeteilt – und Zöllner wollte es auch auf ausdrückliches Befragen nicht sagen –, mit welcher Erläuterung er den Patienten das Cyclamat beziehungsweise den Fruchtzucker verordnet habe. Das, so meint Zöllner, sei ein Betriebsgeheimnis.

Diese Auskunft aber wäre wichtig zur Beurteilung der schwierigen Frage, wie viele Patienten überhaupt das Versuchspräparat geschluckt haben. Untersuchungen haben nämlich ergeben, daß ein großer Teil aller Kranken keineswegs das tut, was der Arzt ihnen sagt. Zöllner konnte auch nicht kontrollieren, ob die Patienten Cyclamat oder Fruchtzucker regelmäßig eingenommen haben. Ganz sicher sein kann er dessen eigentlich nur bei denen, die über leichten Durchfall berichteten – eine seit langem bekannte Cylcamat-Wirkung.

Dies also scheint – beim heutigen Stand – das sachlich faßbare Ergebnis des Cyclamat-Streits zu sein: Die Ergebnisse der österreichischen Forscher sind in Zweifel gezogen, aber nicht widerlegt worden. Die Arbeit von Zöllner, die vor allem als Gegenbeweis ins Feld geführt worden ist, weist selbst Schwächen auf.

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Das Thema ist nicht erschöpft, wenn nicht mindestens einige auffällige Randerscheinungen der Auseinandersetzung erwähnt werden, die erschreckend schnell zu unsachlicher Polemik eskalierte. Wissenschaftler und Abgeordnete taten seltsame Dinge.

So ließ Dozent Dr. Hellmut Mehnert, Chefarzt der 3. Medizinischen Abteilung des Krankenhauses München-Schwabing und renommierter Diabetes-Forscher, durch eine Presseagentur namens "pam" ("Publizistische Arbeitsgemeinschaft für Medizin") sehr bald nach Berichten über die österreichische Untersuchung folgendes verbreiten: "Die Volksgesundheit ist in zunehmendem Maß durch Krankheiten bedroht, die mit Wohlstand und übermäßiger Nahrungszufuhr zusammenhängen. Dazu zählen insbesondere die Zuckerkrankheit, zu hoher Blutdruck sowie die Fettleber. Grundlage dieser Erkrankungen ist in vielen Fällen die Fettsucht. Jede Gelegenheit, die Kalorienzufuhr zu bremsen, wird daher von Ärzten begrüßt. Dies gilt auch für die Entwicklung von Süßstoffen, die im Gegensatz zu Zucker ohne Nährwert sind ... Unter den Süßstoffen sind die Cyclamate von größter Bedeutung ..."

Mehnert schrieb auch, "es wäre unverantwortlich, vom Gebrauch dieser Süßstoffe (der Cyclamate) abzuraten und damit den dann mit Sicherheit zu erwartenden verstärkten Zuckerverzehr der Bevölkerung zu fördern. Eine derartige Entwicklung würde zwangsläufig die Fettsucht und ihre Folgekrankheiten begünstigen".

Kannte Mehnert die Untersuchungen nicht, nach denen der bloße Gebrauch von Süßstoff gar nicht, wie die Cyclamat-Hersteller den Käufern vorgaukeln, das Gewicht beeinflußt? Der Diabetes-Experte wußte natürlich darüber Bescheid. "Wenn also der Patient", so hatte Mehnert nämlich Ende 1965 zusammen mit Harald Förster und Hedwig Förster in der Zeitschrift "Medizin und Ernährung" geschrieben, "keine genaue Diätverordnung bekommt beziehungsweise diese nicht einhält, kann man von der Verwendung von Süßstoffen therapeutisch keine Vorteile erwarten." Letzte Woche auf der Münchener Pressekonferenz war Mehnert die Situation wieder gegenwärtig: "Ich will nicht sagen, daß man bei Cyclamatgenuß nicht dick wird."

Ein anderes Beispiel: Er geniere sich fast, erklärte Zöllner auf der Pressekonferenz, daß er es vor drei oder vier Jahren für notwendig gehalten habe, noch eine Untersuchung über Cyclamat anzustellen. Mehnert sekundierte: Es sei fast uninteressant geworden, über Cyclamat zu publizieren. Zöllner habe (mit seiner Untersuchung an Leber- und Nierenkranken) dennoch noch einen Versuch gemacht.

Dazu drei Zitate: Es schrieben

  • 1964 "The Medical Letter", ein von amerikanischen Medizinprofessoren herausgegebener Informationsdienst über Arzneimittel, es gebe "viele unbeantwortete Fragen hinsichtlich der Giftigkeit von Saccharin und Cyclamat";
  • 1965 Mehnert und die Försters: "Gegenüber diesen sehr günstigen und insgesamt sehr umfangreichen Berichten über das Saccharin liegen erst wenige Untersuchungen über das Cyclamat vor";
  • 1967 Zöllner und Schnelle: "Untersuchungen über die Wirkung einer langzeitigen Gabe von Natriumcyclamat bei Störungen der Stoffwechsel- und Ausscheidungsfunktion (bei Leber- und Nierenschäden also) sind bisher beim Menschen nicht durchgeführt worden."

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Schließlich verdient jene "Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Besold, Kühn (Hildesheim), Frau Dr. Schwarzhaupt, Lampersbach und Genossen" ein paar Absätze. Zunächst fällt auf, daß die einzelnen Fragen dieser Anfrage die offenbar gewünschte Antwort gleich mitliefern. Etwa so: "1. Besteht auf Grund einer in Gang gesetzten Pressekampagne gegen die Cyclamat-Süßstoffe eine begründete Veranlassung, die geltenden lebensmittelrechtlichen Vorschriften, die von der Unschädlichkeit dieser seit 20 Jahren im Handel befindlichen Süßstoffe ausgehen, zu überprüfen, obwohl Vorschriften in über 60 Staaten der Erde, u. a. den USA, Großbritannien, Schweden und der Schweiz, die gleiche Unbedenklichkeit ausgesprochen haben und auf zahlreichen wissenschaftlichen und klinischen Untersuchungen anerkannter Universitätsinstitute basieren?"

Die genaue Betrachtung der gesamten Anfrage ergibt Fehler und Verzerrungen. Es mag kleinlich erscheinen, darauf hinzuweisen, daß Cyclamate erst seit 18 Jahren im Handel sind, daß Bad Hall nicht in Tirol, sondern in Oberösterreich liegt, daß nicht die westdeutsche Zuckerwirtschaft die Untersuchungen der Bad Haller Forscher gefördert hat, sondern – wie Hellauer nicht verheimlicht – die österreichische (genauer: der "Verband der Nahrungsmittelindustrie Österreichs").

Eine weitere Fehlleistung steckt in der Angabe, das Untersuchungsergebnis beunruhige über eine Million Diabetiker in der Bundesrepublik. Fast jeder zweite der auf über eine Million geschätzten Diabetiker in der Bundesrepublik weiß nichts von seinem Leiden, könnte also auch nicht im Sinne der Anfrage beunruhigt sein.

Falsch zugunsten des Cyclamats sind die Angaben über die Zahl der in Bad Hall untersuchten Tiere einerseits, die Zahl der von Zöllner in München beobachteten Patienten andererseits. "Sieben Meerschweinchen und sechs Kaninchen" heißt es. Und: "200 nieren- und lebergeschädigte Patienten." Die korrekten Zahlen (einschließlich der Kontrollen): 14 Meerschweinchen und zwölf Kaninchen; 83 nieren- und lebergeschädigte Patienten.

Aus der Mitteilung Hellauers, die Zuckerwirtschaft habe die Untersuchung gefördert – Hellauer erläuterte dazu, daß nicht er oder das Institut die Forschungsmittel direkt erhalten habe, sondern das Land Oberösterreich, dem das Institut untersteht –, schließen die Abgeordneten, die Befunde Hellauers und seiner Mitarbeiter seien "ein bestelltes Untersuchungsergebnis", zu finsterer Machenschaft bestimmt:

"Kann in einem solchen bestellten Untersuchungsergebnis ..." so lautet Frage Nr. 3, wenn man aus dem Satzungetüm den Hauptgedanken herausschält, "ein geeignetes Mittel gesehen werden, um mit Hilfe einer darauf aufgebauten PR(Public-Relations)-Kampagne den bestehenden Zuckerberg abzubauen und die über eine Million Diabetiker in der Bundesrepublik ... in unverantwortlicher Weise zu beunruhigen?"

Daß ein Auftraggeber nicht nur – wie allgemein üblich – eine Untersuchung, sondern auch gleich das gewünschte Ergebnis bestellt, bezahlt und auch erhält, kommt mitunter vor. Erfahrene Auftraggeber wie die Unternehmen der pharmazeutischen Industrie, die ihre Präparate außerhalb der Werke prüfen lassen, werden jedoch – mit Recht – die Vermutung zurückweisen, zwischen Auftraggeber und Prüfungsergebnis bestehe zwangsläufig ein Zusammenhang. Den Bundestagsabgeordneten erscheint solch ein Zusammenhang selbstverständlich.

Interessante Spekulationen ließen sich darüber anstellen, wie sich diese Abgeordnetenüberzeugung, würde sie zur Grundlage eines neuen Arzneimittelgesetzes gemacht, praktisch auswirken würde.