Die Geschichte des Cyclamats begann 1937. Damals entdeckte der amerikanische Forscher M. Sveda an der Universität von Illinois, daß Natrium- und Kalziumsalze der Cyclohexylsulfaminsäure süß schmecken. Diese Substanzen, kurz als Cyclamat bezeichnet, wurden 195C von den amerikanischen Abbott Laboratories in den Handel gebracht.

Anfangs diente Cyclamat vor allem Diabetikern als Zucker-Ersatz. Zwar besitzt Cyclamat eine weitaus geringere Süßkraft als das schon seit dem vorigen Jahrhundert bekannte Saccharin. Doch empfahl sich der neue Süßstoff durch zwei Vorzüge: Ihm fehlt der bittere Beigeschmack des Saccharins, und er ist kochbeständig.

Als vor etwa einem Jahrzehnt immer mehr Menschen zu begreifen begannen, daß zwischen Übergewicht und der Anfälligkeit für einen Herzinfarkt und andere Krankheiten enge Beziehungen bestehen, propagierten Cyclamat-Hersteller in den USA den kaloriensparenden Süßstoff als schlankmachendes und gesundheitsförderndes Volksnahrungsmittel. Mit beträchtlichem Erfolg: In etwa einem Drittel aller amerikanischen Haushalte, so schätzen Experten, werden heute künstliche Süßstoffe, in erster Linie Cyclamat, verwendet. Etwa 15 Prozent der alkoholfreien Erfrischungsgetränke in den USA sind mit Süßstoff gesüßt. Zudem gibt es eine Fülle sogenannter Diät-Nahrungsmittel – etwa Obstkonserven und Säfte, Puddingpulver und Backwaren, Schokolade und Eiskrem, Drops und Kaugummi –, die Cyclamat enthalten.

In den letzten Jahren nun machten sich Cyclamat-Produzenten daran, auch auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Der Absatz stieg sprunghaft: 1966 wurden in der Bundesrepublik für 8,7 Millionen Mark Cyclamat abgesetzt, 1967 bereits für 14,5 Millionen Mark. Fast die Hälfte des Jahresumsatzes investierten die Cyclamat-Hersteller in Werbung, die suggeriert, man könne jetzt beides zugleich: schlemmen und schlank bleiben.

Daß Cyclamat allein schlank macht, ist indes eine unbewiesene Behauptung. Die nicht gegessenen Kalorien lassen sich zwar aus der Menge des durch Süßstoff ersetzten Zuckers genau errechnen. Doch von Nutzen ist die Kalorienersparnis nur, wenn die Süßstoffesser nicht in der Überzeugung, schon genug gegen das Übergewicht getan zu haben, andere Diätsünden begehen.

Doch dazu neigen übergewichtige Personen offensichtlich. Die Amerikaner McCann, Trulson und Stülp verfolgten bis zu drei Jahren das Gewicht Fettsüchtiger, die teils Zucker, teils Süßstoff verwendeten. Ein Unterschied zeigte sich nicht.

Bei einem Präparat, das so breit verwendet werden soll, wie es die Cyclamat-Verkäufer durch intensive Propaganda in der Massenpresse anstreben, sind höchste Ansprüche an die Unbedenklichkeit zu stellen. Jeder Hinweis auf eventuelle schädliche Wirkungen erfordert eine genaue Prüfung, erst recht, wenn dieses Präparat durchaus entbehrlich erscheint. So ist erklärlich, daß eine Untersuchung Aufsehen erregte, die vier österreichische Forscher unter Leitung von Professor Horst Hellauer vom Paracelsus-Institut in Bad Hall kürzlich in der "Wiener Klinischen Wochenschrift" veröffentlichten.