Das Thema ist nicht erschöpft, wenn nicht mindestens einige auffällige Randerscheinungen der Auseinandersetzung erwähnt werden, die erschreckend schnell zu unsachlicher Polemik eskalierte. Wissenschaftler und Abgeordnete taten seltsame Dinge.

So ließ Dozent Dr. Hellmut Mehnert, Chefarzt der 3. Medizinischen Abteilung des Krankenhauses München-Schwabing und renommierter Diabetes-Forscher, durch eine Presseagentur namens "pam" ("Publizistische Arbeitsgemeinschaft für Medizin") sehr bald nach Berichten über die österreichische Untersuchung folgendes verbreiten: "Die Volksgesundheit ist in zunehmendem Maß durch Krankheiten bedroht, die mit Wohlstand und übermäßiger Nahrungszufuhr zusammenhängen. Dazu zählen insbesondere die Zuckerkrankheit, zu hoher Blutdruck sowie die Fettleber. Grundlage dieser Erkrankungen ist in vielen Fällen die Fettsucht. Jede Gelegenheit, die Kalorienzufuhr zu bremsen, wird daher von Ärzten begrüßt. Dies gilt auch für die Entwicklung von Süßstoffen, die im Gegensatz zu Zucker ohne Nährwert sind ... Unter den Süßstoffen sind die Cyclamate von größter Bedeutung ..."

Mehnert schrieb auch, "es wäre unverantwortlich, vom Gebrauch dieser Süßstoffe (der Cyclamate) abzuraten und damit den dann mit Sicherheit zu erwartenden verstärkten Zuckerverzehr der Bevölkerung zu fördern. Eine derartige Entwicklung würde zwangsläufig die Fettsucht und ihre Folgekrankheiten begünstigen".

Kannte Mehnert die Untersuchungen nicht, nach denen der bloße Gebrauch von Süßstoff gar nicht, wie die Cyclamat-Hersteller den Käufern vorgaukeln, das Gewicht beeinflußt? Der Diabetes-Experte wußte natürlich darüber Bescheid. "Wenn also der Patient", so hatte Mehnert nämlich Ende 1965 zusammen mit Harald Förster und Hedwig Förster in der Zeitschrift "Medizin und Ernährung" geschrieben, "keine genaue Diätverordnung bekommt beziehungsweise diese nicht einhält, kann man von der Verwendung von Süßstoffen therapeutisch keine Vorteile erwarten." Letzte Woche auf der Münchener Pressekonferenz war Mehnert die Situation wieder gegenwärtig: "Ich will nicht sagen, daß man bei Cyclamatgenuß nicht dick wird."

Ein anderes Beispiel: Er geniere sich fast, erklärte Zöllner auf der Pressekonferenz, daß er es vor drei oder vier Jahren für notwendig gehalten habe, noch eine Untersuchung über Cyclamat anzustellen. Mehnert sekundierte: Es sei fast uninteressant geworden, über Cyclamat zu publizieren. Zöllner habe (mit seiner Untersuchung an Leber- und Nierenkranken) dennoch noch einen Versuch gemacht.

Dazu drei Zitate: Es schrieben

  • 1964 "The Medical Letter", ein von amerikanischen Medizinprofessoren herausgegebener Informationsdienst über Arzneimittel, es gebe "viele unbeantwortete Fragen hinsichtlich der Giftigkeit von Saccharin und Cyclamat";
  • 1965 Mehnert und die Försters: "Gegenüber diesen sehr günstigen und insgesamt sehr umfangreichen Berichten über das Saccharin liegen erst wenige Untersuchungen über das Cyclamat vor";
  • 1967 Zöllner und Schnelle: "Untersuchungen über die Wirkung einer langzeitigen Gabe von Natriumcyclamat bei Störungen der Stoffwechsel- und Ausscheidungsfunktion (bei Leber- und Nierenschäden also) sind bisher beim Menschen nicht durchgeführt worden."