Bevor der Bundeskanzler und die Mehrheit der Minister in die Ferien gingen, stand Bonn noch einmal im Zeichen der Außenpolitik, Sowjetbotschafter Zarapkin überreichte am Freitag Moskaus Antwort auf das deutsche Memorandum zum Gewaltverzicht vom 9. April. Bundeskanzler Kiesinger äußerte sich am gleichen Tage vor der Bundespressekonferenz zu fast allen außenpolitischen Themen von Rang, Der Ministerrat der Westeuropäischen Union befaßte sich besonders mit der Entspannungspolitik und der Zukunft Europas.

Folgende Themen standen im Vordergrund:

Gewaltverzicht. Bundesaußenminister Brandt beurteilt die sowjetische Note als "nicht sehr ermutigend". Sie lasse aber eine Fortsetzung des Dialogs zu, obwohl sie von den "bekannten sowjetischen Positionen" ausgehe – Anerkennung der DDR und der Grenzen in Europa. Bundesverteidigungsminister Schröder warnte dagegen in einem Rundfunkinterview: Die Grenze des einseitigen Entgegenkommens sei erreicht. Sie dürfe im Interesse der europäischen Sicherheit nicht überschritten werden.

Europäische Sicherheit. Der Parlamentarische Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jahn, erläuterte der WEU die Vorstellungen der Bundesregierung zur Entspannung. Der zweiseitige Austausch von Gewaltverzichtserklärungen und eine ausgewogene Truppenverminderung in Ost und West sollen die Vorstufen zu einer europäischen Friedensordnung sein, die auch das deutsche Problem einbezieht. Die westeuropäischen Minister ermutigten Bonn zur Fortsetzung seiner Ostpolitik.

Atomsperrvertrag. Die Bundesregierung will, wie der Kanzler ankündigte, ihre endgültige Stellungnahme von der Konferenz der Nichtatommächte, die Ende August in Genf beginnt, und von den Interpretationen des Vertragstextes in der Ratifikationsdebatte des amerikanischen Senats abhängig machen. Die CSU ließ durch den Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Friedrich Zimmermann, erklären, sie erhalte ihren Widerstand gegen den Vertrag "in modifizierter Weise" aufrecht.

EWG. Kiesinger forderte eine europäische Gipfelkonferenz, die dem Ausbau der Gemeinschaft frische Impulse geben soll. Er will darüber im September mit Präsident de Gaulle sprechen. Der WEU-Ministerrat konnte sich nicht über eine Erweiterung der EWG einigen.