Von Hans Dieter Jaene

Claus Jacobi, seit sieben Jahren Chefredakteur Nummer 1 des "Spiegel", kehrt diesem Blatt zum Jahresschluß den Rücken. Steht einem demnächst, nach sieben fetten "Spiegel"-Jahren, ein neuer, anderer, purgierter "Spiegel" ins Haus, womöglich der alte, "Opas Spiegel", wie Claus Jacobi gelegentlich spottete?

Wenn es so sein sollte: Jacobis Weggang wäre nicht Ursache solchen Wandels, sondern Folge.

Die Vorstellung, Chefredakteure bestimmten nach ihrem freien Willen, nur ihrem Gewissen unterworfen, Kurs, Inhalt und Form periodischer Druckerzeugnisse, mag früher gestimmt haben. Heute ist sie ziemlich falsch, jedenfalls wenn es um Objekte wie den "Spiegel" geht mit seiner Auflage knapp unter der Millionengrenze. Von einer bestimmten Größe der Auflagen an sind Blattmacher in ihren Entscheidungen nicht mehr frei. Zeitungs- und Zeitschriftenverlage sind auf Erwerb gerichtete Unternehmen. Wenn sie nicht zugrunde gehen wollen, müssen sie marktgerechte Produkte liefern. Nur dann finden Zeitschriften die Basis ihrer Existenz: Anzeigenkunden und Käufer.

Es ist die Kunst des Verlegers, in Zeiten sich wandelnder Marktbedürfnisse die richtigen Leute zu finden, die sein Blatt weiterführen, und es ist die Gewohnheit der Kritiker, solche im Grunde rein geschäftlichen Entscheidungen auf ihre moralische Haltbarkeit zu untersuchen.

Der nimmermüde Erich Kuby, der im deutschen Blätterwald überall morsches Holz wittert, an dem er sich reiben kann, gab letztes Jahr in der Reihe "Faksimile – Querschnitte durch alte Zeitungen und Zeitschriften" einen Band über den – in diesem Sinne ja keineswegs "alten" – "Spiegel" heraus und begründete das: "Wir halten jenen .Spiegel’, der Rudolf Augstein seinen Rang verdankte, ... wenn nicht für tot, so doch für im Sterben begriffen. Wir schreiben in memoriam."

Kuby betrauert, daß in den sechziger Jahren das "nonkonformistische Prestige" des "Spiegel" dahinschwand und daß "kampagnenhaft geführte, personalisierte Angriffe gegen die Entwicklung der Bundesrepublik unter Adenauer sowie gegen Franz Josef Strauß" einschliefen. Kuby übersieht, daß in den sechziger Jahren für dergleichen Gesinnungsjournalismus in einem Millionenblatt kein ausreichender Markt mehr bestand – für die gleiche Art Journalismus, die Ende der vierziger und in den fünfziger Jahren beim Publikum so sehr gefragt gewesen war.