Von Hans-Albert Walter

Nach den beiden Bänden seines "Deutschen Tagebuchs", der Porträtgalerie "Deutsche Schicksale" und dem "Spanischen Kriegstagebuch" liegt nun auch eine Auswahl von Artikeln, Aufsätzen und Reden vor, die er zwischen 1933 und 1966 niedergeschrieben hat –

Alfred Kantorowicz: "Im 2. Drittel unseres Jahrhunderts"; Verlag Wissenschaft und Politik, Köln; 216 S., 20,– DM.

Die erste Abteilung des Bandes bringt Arbeiten, die in der französischen Emigration zwischen 1933 und 1940, die zweite solche, die im amerikanischen Exil von 1940 bis 1954 entstanden sind, die dritte Gruppe bietet Texte aus den Jahren 1947 bis 1957 in Ostberlin, die letzte enthält Aufzeichnungen, die seit 1957 in der Bundesrepublik gemacht wurden.

Diese chronologische Gliederung gilt in groben Zügen auch für die Thematik. Der publizistische Kampf gegen Hitler bestimmt die Arbeiten zwischen 1933 und 1940. Im amerikanischen Exil liegt der Hauptakzent auf der Auseinandersetzung über das nach der Niederlage des Nationalsozialismus neu zu errichtende Deutschland. Die Aufsätze und Reden aus Ostberlin bezeugen Kantorowiczs Versuche, am Aufbau eines friedlichen und gesitteten Deutschlands mitzuwirken, Versuche, die an den politischen Konstellationen des Kalten Krieges ebenso scheiterten wie an der geistfeindlich-engen und machtlüsternen Haltung der Ulbricht-Kader.

Den Zweifrontenkrieg, in den Kantorowicz hier geraten war, setzte er nach seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik fort. Die Flucht aus der DDR bedeutete keineswegs ein Einverständnis mit der Gesellschaftsform des Westens. Das zu unterstreichen, definiert Kantorowicz seine Position mit dem Satz: "Eine Absage an den Sozialismus ist mein Entschluß zum offenen Bruch mit dem Gewaltregime der Ulbricht-Clique selbstverständlich nicht." Ein "heimatloser Linker", steht er seitdem zwischen den Fronten. Schon in der Einleitung findet man den Satz: "Wir leben unter der Vormundschaft der Gegenaufklärung." Damit sind ebenso die Verdunkelungstendenzen, die offen oder verdeckt faschistischen Erscheinungen in der westlichen Welt gemeint wie die Perversion des humanistischen Marxismus unter Stalin und seinen Nachfahren.

Kantorowiczs Lebensweg scheint typisch zu sein für jene Intellektuellen bürgerlicher Herkunft, die sich in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren dem Kommunismus zuwandten, deren Hoffnungen durch den Stalinismus jedoch früher oder später zunichte wurden. Zugleich ist er repräsentativ für das Denken und Verhalten derer, die 1933 vor Hitler aus Deutschland fliehen mußten. In diese beiden Koordinaten fügen sich die Aufsätze des vorliegenden Bandes ein. Es ehrt den Autor, daß er seine Arbeiten auch da nicht verändert oder gar unterdrückt hat, wo sie und mit ihnen er – etwa im Falle des Stalin-Artikels – durch die Geschichte widerlegt wurden. Wie durch Illusionen und Irrtümer, sind sie freilich auch durch Einsichten und Vorwegnahmen gekennzeichnet, und meist sind die Illusionen repräsentativ, während die Einsichten nur von einer Minderheit geteilt wurden.