Von Dietrich Strothmann

Die Suche nach einer Friedenslösung im Nahen Osten ist für Beteiligte und Beobachter zu einem Puzzlespiel geworden. So eindeutig damals der Sieg der Israelis auf dem Schlachtfeld war, so vieldeutig sind heute die Winkelzüge auf dem politischen Parkett. Nur das ist Siegern und Besiegten unterdessen klar geworden: Weder mit Faustpfändern noch mit wiederaufgefüllten Waffenarsenalen, weder mit Annektionsdrohungen noch mit Revanche-Rhetorik läßt sich Frieden stiften zwischen Juden und Arabern – es sei denn um den Preis eines neuen Krieges, des vierten dann in knapp zwanzig Jahren.

Nicht einmal die Großmächte, die Sowjets auf arabischer, die Amerikaner auf israelischer Seite, haben es in der Hand, das Blatt zu wenden. Beide wissen heute nur soviel: Auch den nächsten Waffengang würden wieder die Israelis gewinnen, trotz der neuen Raketen, Kanonen, Panzer und Bomber, die Moskau den Ägyptern und Syrern geliefert hat. Denn den Ausbildungsstand und die Kampfmoral der Soldaten Moshe Dayans werden die Araber so bald nicht erreichen. Darin vor allem sind die Israelis ihren Gegnern nach wie vor turmhoch überlegen.

Aber auch darüber machen sich die Schutzherren in Moskau und Washington keine Illusionen: Geraten ihre Verbündeten beiderseits des Jordans erneut in ein militärisches Duell, so haben sie selber gleichfalls das Nachsehen. Die Sowjets, finanziell durch mancherlei Verpflichtungen in aller Welt ohnehin überbeansprucht, müßten ein weiteres Mal ihre Rubelschatulle weit öffnen, um den Arabern ihre Verluste zu finanzieren; die Amerikaner müßten noch einmal tatenlos zusehen, wie die Staaten von Kairo bis Bagdad zu Schuldnern Moskaus würden und damit vielleicht endgültig zu seinen botmäßigen Satelliten. Das eine wie das andere liegt nicht im Interesse der beiden Supermächte. Sie können sich kein zweites Vietnam wünschen.

Da es aber mehr denn je ihr Wille ist, die nahöstliche Kriegsfackel auszutreten, stellt sich die drängende Frage, auf welche Weise dies zu erreichen ist. Nach allem, was aus dem Kreml bekannt wurde, hat Ägyptens Staatschef Nasser von seinen Gastgebern deutlich zu hören bekommen, daß er sich zu einer Anerkennung des Staates Israel bequemen müsse, wenn er auf diplomatischem Feld etwas für sich herausschlagen wolle – etwa die Rückgabe der im Juni-Krieg verlorenen Gebiete. Dazu würde dann auch, wie es in der von den Sowjets gebilligten UN-Entschließung vom vergangenen November vorgesehen ist, die freie Passage für israelische Schiffe durch den Suezkanal und die Straße von Tiran, sowie die Respektierung der bestehenden Grenzen gehören.

Noch freilich sieht es nicht so aus, als könnte sich Nasser als Wortführer der Araber zu diesem Kompromiß durchringen. Gewiß gibt sein Außenminister Mahmud Riad offenherzig zu: "Wir haben Fehler begangen. Nun müssen wir die Realitäten anerkennen, und eine dieser Realitäten heißt Israel" – aber kaum hat er dies gesagt, wird er auf Drängen der Palästinensischen Befreiungsfront vom Kairoer Regierungssprecher prompt korrigiert: Die unabänderlichen Grundsätze der ägyptischen Politik seien "keine Anerkennung Israels, kein Friedensvertrag mit Israel und auch keine Verhandlungen mit Israel". Wird Moskau da so bald Wandel schaffen können?

Ebenso unduldsam, wenn auch aus verständlichen Gründen, sind die Israelis. Sie zu einer flexiblen Politik gegenüber ihren Nachbarn zu überreden, fällt den Amerikanern nicht minder schwer. Druckmittel haben sie, außer einer befristeten Sperre für Lieferungen kriegsentscheidender Waffen, kaum in der Hand. Bis zum Januar, dem Amtsantritt des neuen Präsidenten, ist die Politik des Weißen Hauses ohnehin gelähmt. Johnson, genug beschäftigt mit einem Vietnam-Arrangement und innenpolitischen Querelen, wird das Aufschnüren des Nahost-Paketes seinem Nachfolger überlassen. Obendrein ist auch der Einfluß der fast sechs Millionen amerikanischen Juden und ihrer mächtigen Organisationen nicht zu unterschätzen. Ihr Votum kann die Wahl des neuen US-Präsidenten nachhaltig bestimmen. Darum wird es kein Kandidat wagen, etwa die Drosselung der Dollar-Spenden nach Jerusalem zu empfehlen. Für die nächste Zukunft ist auch kein amerikanisches Arrangement mit den Sowjets für eine Abrüstung im Nahen Osten in Sicht.